Kleinkrieg jenseits von Wertung und Feuilleton

Schlacht

Es ist ein Kleinkrieg. Von beiden Seiten gleichermaßen erbittert, meist gehässig und herablassend geführt.

Kündigt Gameswelt an, künftig ein neues Wertungssystem anwenden zu wollen, hagelt es Häme und Kritik. Freilich hat sich die Redaktion dort mit vollmundigen Ankündigungen, eine „neue Ära“ einzuläuten, gar von einer grundlegend überarbeiteten „Wertungsphilosophie“ zu schwadronieren, selbst einen Bärendienst geleistet.
Prompt nimmt die Gegenseite die Vorlage dankend an, schießt auf den Fuß wortreich zurück. Genüsslich weidet man sich daran, wie die klassische Spielepresse angeblich mit ihrem Selbstverständnis vom technokratischen Games-TÜV im Gestern hängen geblieben ist. Ihr Sujet schon längst an Ihnen vorbei zur Kunstform gereift, die sich partout nicht in Wertungsschablonen pressen lasse, allein der Versuch eine himmelschreiende Respektlosigkeit gegenüber dem Werk.

Kündigt Superlevel an, den Autor Dennis Kogel per Crowdfunding-Aktion auf die GDC nach San Francisco schicken zu wollen, ist das wiederum ein gefundenes Fressen für die Anhänger der Wertungsfraktion. Hämisch zeigt man mit dem Finger auf die vermeintliche Unprofessionalität. Selbstverliebte Feuilletonisten, die völlig fernab jeglicher wirtschaftlicher Realität von mehr Geist und Kultur schwafeln, so der Vorwurf. Der entlarvende Beweis, dass diese Form der Berichterstattung keinen Leser interessiert und daher mit ihr auch kein Staat zu machen sei. Der Stachel von der Kritik an der neuen Gameswelt-„Wertungsphilosophie“ muss tief sitzen.

Ironie-Deckmantel 

Ja, es ist ein gehässiger Kleinkrieg. In sozialen Netzwerken von den Beteiligten meist unter dem Deckmantel der Ironie geführt. So bleibt das Hintertürchen stets offen: War doch nur Spaß, alles gar nicht so gemeint, man lese die Texte der anderen ja selber ab und zu ganz gern, aber, bei aller Liebe, an der fehlgeleiteten Ansicht der anderen könne doch wohl kein ernsthafter Zweifel bestehen.

Doch warum dieser schwelende Konflikt? Warum muss das eine das andere ausschließen, gar besser oder schlechter sein? Eine technisch-analytische Betrachtung von Spielen hat genauso ihre Daseinsberechtigung wie eine kulturell-wertschätzende Interpretation ohne Prozentwertungen und Messungen der Bildwiederholfrequenz.

Ausschlussverfahren? 

Im Politikjournalismus beispielsweise käme niemand auf die Idee, den Sinn von „Sonntags-Fragen“ und deren wöchentlicher prozentualer Auswertung in Frage zu stellen oder gar die Macher mit Häme zu übergießen. Allerdings wäre die Auffassung, die „Welche Partei würden Sie wählen?“-Umfragen als alleinig gültigen Maßstab zu nehmen, um etwas oft Irrationales und Komplexes wie Realpolitik zu beschreiben, genauso deplatziert.

Beides muss sich vielmehr ergänzen und befruchten: Die Torten- und Balkendiagramme liefern Informationen über Zeitverläufe, Machtverhältnisse und Wählerwanderungen. Die müssen aber interpretiert, begleitet und in Kontext gestellt werden. Der aktuelle Umfragewert der SPD findet daher in der Zeitung genauso statt wie ein Hintergrund-Porträt des Kanzlerkanditen Steinbrück. Weil das eine das andere möglicherweise erklären kann und umgekehrt.

Analog sollte es sich im Gamesjournalismus verhalten. Spiele sind nun mal doch zuallererst handwerkliche Produkte, eine technische formalisierte Betrachtung daher durchaus angemessen. Was aber keinesfalls ausschließt, dass Spiele eben oft doch mehr sind als die Summe ihrer Einzelteile, so gar künstlerische Werke werden.

Mut zur Vielfalt

Beide Formen einer Berichterstattung sind legitim, können und sollten – wie im Beispiel der Politikpresse – miteinander kombiniert werden. Ich jedenfalls konsumiere beide gleichermaßen: Bei einem Crysis schaue ich mir gerne ein Grafikvergleichsvideo an, für Aliens: Colonial Marines reicht mir analytischer Test mit Fazitkasten und Wertung. Ein Journey darf gerne als Erlebnisbericht getestet werden. Genauso gerne lese ich ein Essay über Gewalt in Videospielen oder einen Report über Goldfarming.

Ein bisschen mehr Akribie und Nüchternheit und weniger Narzissmus würde bei manchem Kulturgut-Text Wunder wirken. Im Gegenzug darf die Wertungspresse nicht aus ihrer Pflicht entlassen werden, ihr Betrachtungsobjekt aufmerksam, hintergründig und über den bloßen Releasekatalog hinausgehend zu begleiten. Spielejournalismus muss mehr bedeuten als reine Textfabrik für Test und Vorschauen zu sein.

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4 Responses to Kleinkrieg jenseits von Wertung und Feuilleton

  1. avatar Rainer says:

    Hi Daniel,
    – suchste Streit?!?
    Scherz beiseite: Die Tatsache, dass in der von dir beschriebenen epischen Schlacht um die Deutungshoheit zwischen gleich vernagelten Streitpartnern der einzige Link zu meinem Artikel führt, verführt mich zur Annahme, dass ich gemeint bin. Nunja.

    Nun habe ich ja nichts dagegen, mal auch als polemisch wahrgenommen zu werden, nur bitte wenn, dann schon auch mit Absicht. In deinem Text wird mir nämlich so allerhand unterstellt, was sich in meinem Artikel absolut nicht wiederfindet.

    Als Erstes möchte ich mal zart darauf hinweisen, dass ich in meinem Artikel, der zudem als Gegenpart zu Volker Bonackers Pro-Wertungs-Text (viva la Gedankenfreiheit, auch auf VGT!) zeitgleich erschienen ist, im allerersten Satz darauf hinweise, dass die Frage „Wertungen Ja/nein“ gar nicht sinnvoll beantwortet werden kann. Im letzten Satz – gasp! – gestehe ich der angeblich so tief verachteten Gameswelt sogar zu, dass das neue Wertungssystem ein Schritt in die richtige Richtung sei. Das musst du wohl überlesen haben.

    Mein Problem mit Wertungen, so steht übrigens auch im Text irgendwo im Mittelteil, ist nun auch nicht, wie du unterstellst, dass Games als ach so gereifte Kunstform sich „partout nicht in Wertungsschablonen pressen lassen“ und ich „allein den Versuch[als] eine himmelschreiende Respektlosigkeit gegenüber dem Werk“ ansehe, sondern schlicht, dass, wie ich schreibe, IMHO Wertungssysteme wegen der Vielfalt der Spiele als Vergleichssystem nicht mehr recht gut taugen.
    (Überdies, nebenbei, schreibe ich selbst seit Jahren auf einigen Kanälen abseits vom Essay-Stil auf VGT regelmäßig recht bodenständige Reviews für fm4, die zwar ohne Zahlenwertung auskommen, aber durchaus werten. Ein Dead-Island-Verriss wird dadurch nicht „nüchterner und akribischer“, wenn er in eine Zahl mündet.)

    Kurz: Dein Vorwurf, es gäbe hier einen „schwelenden Konflikt“, einen „gehässigen Kleinkrieg“ mit Hintertürchen, in dem „herablassend“ der technisch-analytischen Spielbeschreibung ihre Daseinsberechtigung abgesprochen wird, mag vielleicht für irgendwen zutreffen, aber ich fühle mich sowohl im verlinkten Belegtext als auch ansonsten nicht wirklich davon angesprochen. Ich habe kein Problem mit der Fachpresse in dem Sinn, dass ich sie weghaben will; ich begrüße nur einen Pluralismus, wie er sich halt auch ergeben darf.

    Noch einfacher gesagt: Dass ich selbst Wertungen nicht so spannend finde, heißt nicht, dass ich nicht verstehen kann, wozu sie gut sind. Sowohl Volker Bonacker als auch ich argumentieren da beide recht gelassen – so wenig wie er „Wertungen sind das Coolste!“ brüllt, schreie ich „Wertungen sind für Faschos!“. Wenn dieser Eindruck entstanden ist – bitte nochmal beide Texte ansehen.

    Insofern ist es noch etwas komischer (und auch etwas, nunja, befremdend), dass die „eine Seite“ – das bin wohl ich, auf andere Beispiele verweist du ja nicht – hier doch recht offensiv des Narzissmus bezichtigt wird – ein nicht gerade schmeichelhafter Fernbefund, der sich leicht nach zwecks Textdynamik herbeigeschriebener Unterstellung anfühlt, weil in meinem Text nichts von dem drinsteht, was du als ebenso bescheuerten Gegenpart zum Rumprollen auf den GDC-Artikel bezeichnest.
    Also sorry: Ich bin hier der falsche Sparringpartner – außer du hast irgendeinen anderen tiefen Groll gegen mich. Kann ja auch sein. Als hochgejazzter Kevin Leddins des Gutmenschen-Hipster-Journalismus würde ich mich am liebsten aber nur dann bezeichnen lassen, wenn ich sowas in der Art tatsächlich schreibe. DAS kann durchaus auch sein, aber in diesem konkreten Fall hier steht blöderweise in meinem Artikel was anderes drin.

    Also sorry: Ich führe hier nach bestem Wissen und Gewissen keinen gehässigen Kleinkrieg. Obwohl sich dafür dein Text ein klein wenig unfair anfühlt.

    • avatar weltraumer says:

      Hi Rainer,

      alles entspannt, ich hege keinen Groll gegen dich! Im Gegenteil, ich mag deine Seite und die Texte gern.
      Du hast aber recht. Die Tatsache, dass ausschließlich dein Text verlinkt wurde, lässt möglicherweise ein falsches Bild entstehen. Nämlich, dass nur du gemeint sein könntest. Der Text passte nur zeitlich zur neuen Gameswelt-Wertungsdebatte.

      Meistens wird dieser Streit in sozialen Netzwerken geführt, und damit oft „hinter verschlossenen Türen“ oder im Nachhinein kaum nachvollziehbar. Daher ist eine Verlinkung dann schwer. Nach Christians „Mehr Geist, bitte“-Text gab’s viel derartige Comments.

      Großes Sorry, wenn du dich durch denn Text über alle Maßen angegriffen fühlst. Wenn du möchtest, lösche ich die Verlinkung?

      Übertriebene Selbstverliebtheit muss ich leider der WASD in Teilen attestieren. Neben einigen guten Texten, habe ich bei manchen Artikeln das Gefühl, sie drehen sich nur noch um das „Schreiben um des Schreibens Willen“, ohne wirkliche Erkenntnisgewinnung. Bei einem monothematischen Heft ein Problem.

  2. avatar Rainer says:

    Hi Daniel,
    verstehe, das mit der schweren Abbildbarkeit von Facebook-Konversationen erklärt mir einges. Screenshots sind wohl der beste Weg, sowas für die Außenwelt zu dokumentieren.
    Die Verlinkung zu vgt musst du deswegen nicht raustun, ich war nur gestern nacht leicht verwundert, dass meine Standpunkte allem Anschein nach so rüberkommen. Wenn einem Narzissmus vorgeworfen wird, beginnt man halt zu grübeln. 🙂

  3. Hallo,

    auch wenn der Artikel schon etwas her ist, möchte ich mal etwas „dazusenfen“.

    Die Spielemagazine nehmen sich imho nix mehr, jedes versucht irgentwie Leser zu binden.
    Doch wies der Teufel so will, da klappt zunehmend schlechter, da auch die Spieler mittlerweile merken, das es schleichend zum Einheitsbrei verkommt.
    Es spielt fast keine Rolle mehr welches Mag der Leser nimmt, die einstige selbst propagierte Unabhängigkeit, ist zum Wasserträgerjournalismus geworden.

    Vielleicht kommt ja mal der Wendepunbt, wo die Mags wieder erkennen, für wen sie eigentlich da sein sollten, die Spieler, und nicht die Gamesindustrie.

    Gruß
    Charles