Spiegel Online trollt Gamer


Spiegel Online hat offenbar das Trollen der Gamer für sich entdeckt.

Mist, gleich mit dem ersten Satz diesen Text doof angefangen, denn ich mag den Begriff “Gamer” eigentlich nicht. Es handelt sich ja nicht um eine homogene Gruppe, die als solche irgendwie fassbar wäre. Es sind einfach nur Leute, die zufällig die gleiche Freizeitbeschäftigung haben.

Auf der anderen Seite hat der Begriff durchaus seine Daseinsberechtigung, die sich vor allem aus der bewussten Abgrenzung zu Externen speist. Kaum eine so heterogene Gruppe fühlt sich sofort so kollektiv angegriffen, wenn ihr Hobby kritisiert wird. Wenn irgendwo das stark sinkende Niveau im deutschen Privatfernsehen angemahnt wird, fühlt sich nicht jeder Besitzer eines TV-Gerätes sofort berufen, zum digitalen Kreuzzug gegen den Mahnenden aufzurufen. Ist ein Buchkritiker der Ansicht, die erfolgreichen literarischen Veröffentlichungen der letzten Zeit ließen zwischen “Fifty Shades of Grey” und “Twilight” doch arg zu wünschen übrig, käme kein Buchleser auf die Idee, sich deshalb für seine Freizeitbeschäftigung grundsätzlich angegriffen zu fühlen.

Gamer – ein schizophrenes Wesen

Anders der Gamer, der in solchen Fällen stets und vorhersagbar in automatische Verteidigungsreflexe verfällt, wenn Videospiele kritisch angefasst werden. Dabei geht er aber äußerst schizophren vor. Einerseits kann er es nicht ertragen, dass Spiele nicht als ebenbürtiges Kulturgut anerkannt und mit so wenig medialer Aufmerksamkeit bedacht werden. Anderseits schmettert er jedem Kritiker das “Ist doch alles nur ein gedankenloses Unterhaltungsprodukt”-Argument entgegen, der es wagt, mehr darin zu sehen. Genau diese inkonsistenten Verteidigungsreflexe sind es, die den Gamer so leicht trollbar machen.

Aufritt Spiegel Online: In der “Angespielt”-Rubrik soll die Neuerscheinung “Forza Horizon” besprochen werden. Um das Rennspiel geht’s im Text aber nur als Aufhänger, schnell hat der Autor Carsten Görig das Thema des Sexismus in Branche für sich entdeckt. Dass latenter bis offener Sexismus in dieser Industrie nach wie vor ein Problem ist, damit hat er völlig recht. Allein dieser Text ist nicht gut, weil oberflächlich und ziellos. Auf einer Textlänge, die man in Print getrost als Halbseiter bezeichnen kann, mäandert er zwischen knapp bekleideten Messehostessen und Beispielen aus aktuellen Titeln herum, reißt aber alles nur irgendwie an. In der Sache hat Görig zwar ein relevantes Thema adressiert, aber wenn schon Sexismus thematisieren, dann bitte richtig. Warum hat gerade die Spielebranche hier ein Problem? Liegt’s an der Historie, am Kundenkreis oder gar ganz woanders? Von einem Nachrichtenmagazin erwarte ich mehr Tiefgang.

Tumber Sexist!

Das Problem mit Kritik an diesem Artikel ist, dass damit schnell das Zueigenmachen der Gegenmeinung unterstellt wird. Wer den Text doof findet, der muss ja automatisch ein tumber Sexist sein! Und mit Kritik meine ich hier nicht diejenigen Trottel, die Autor und Spiegel Online per se das Recht und die Fähigkeit absprechen, über Spiele schreiben zu dürfen; von Rainer Sigl übrigens trefflich “Arschlochgamer” betitelt.

Damit der Shitstorm auch garantiert losgeht, schreibt Digital-Ressortleiter Christian Stöcker noch auf Twitter:

Darin schwingt für mich die Haltung “Unser Text ist super, weil schaut euch nur mal die Reaktionen der trotteligen Gamer im Forum an!” mit. Und darin sehe ich die bewusste Provokation, um Aufmerksamkeit zu generieren. Also klassisches Trollen, im Wissen, dass Gamer darauf anspringen werden, um ihr Hobby panisch-reflexartig gegen vermeintlich Außenstehende zu verteidigen.

Sex und Gewalt

Und weil das mit dem Sexismus offenbar so vortrefflich geklappt hat, packt man gleich wenige Tage danach einen weiteren neuralgischen Punkt der Spielebranche an: die Gewaltdebatte. Wie im ersten Text liefert Görig in der Besprechung von “Call of Duty: Black Ops 2″ auf engstem Raum ein Potpourri an Stichpunkten zum Thema Gewaltrezeption und -wirkung in Spielen, sogar ein kurzer Exkurs in die Philosophie ist drin. Insgesamt alles aber ebenso oberflächlich und inkonsequent, dass ich mich auch diesmal des Eindrucks nicht erwehren kann, Spiegel Online wollte unter dem Deckmantel der kritischen-philosophischen Moraleinordnung erneut die Gamer trollen, anstatt eine überraschenden, gut recherchierten und damit lesenswerten Text zum Thema Gewalt in Videospielen abzuliefern.

Auch hier der Hinweis, dass ich in der Sache die Meinung Görigs durchaus teile und die Form der unkritischen Gewaltdarstellung und die Simplifizierung eines politischen Weltbilds in vielen Shootern ebenfalls kritisch sehe, wie ich es auch hier mit meinen Podcast-Kollegen bespreche. Trotzdem halte ich die Form des Spiegel-Textes für wenig gelungen und nicht zielführend.

Spiele-Feuilleton?

Gamer fühlen sich zu recht für dumm verkauft. Leser, die sich mit Spielen weniger auskennen, sind nach dem Lesen auch nicht schlauer oder, viel schlimmer, sogar in ihren Vorurteilen bestätigt. Eigentlich dachte ich, dass Spiegel Online, besonders nach Christians Apell für einen geistvolleren Spielejournalismus, hier eine Stellung als Feuilleton einnehmen würden. Gerade ein Nachrichtenmagazin hat die Chance, sich frei vom Zwang, alle Neuerscheinungen umfassend besprechen zu müssen, solchen Themen in adäquater und strukturierter Form nähern zu können. Denn latenter Sexismus und die Frage des kulturellen Wertes sind Fragen, die von großer Bedeutung für das ganze Medium sind.

Aber bitte in weniger trollender Form. Und die kommentierenden Trottel, sprich Sigls “Arschlochgamer”, die kommen so oder so.

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3 Responses to Spiegel Online trollt Gamer

  1. avatar Ben says:

    Hmmm, ganz ehrlich, so lange wir noch an dem Punkt sind an dem die bloße Erwähnung, dass man Gewalt und Sexismus in Spielen thematisieren möchte gleich Gegenreaktionen und Selbstdefensive hervorruft, begrüße ich JEDEN Text der sich überhaupt kritisch damit beschäftigt… vor allem wenn das mit einer Selbstverständlichkeit passiert die eben nicht jedes mal wieder die ganze Debatte aufzieht, als sei das Thema etwas das mit den eigentlichen Spielen nichts zu tun hätte.

    Klar geht im konkreten Fall mehr und besser und sicher sind auch kalkulierte Klicks und kalkulierter Aufschrei mit dabei, aber es ist ja nun wirklich nicht so dass auch nur 1% der Texte zu Forza den völlig überflüssigen Sexismus in dem Ding thematisieren würden.

    Ich finde es z.B. auch nicht grade “zielführend” die Autoren dieser Texte zu kritisieren, anstatt den Arschlöchern in der Spielerschaft konsequent zu sagen, dass sie Arschlöcher sind. Klar kann man den Quatsch in Forza auch gelassen nehmen, aber wer den Schmu mit aller Härte verteidigt, dem sollte man klar machen dass seine “Meinung” in dieser Gesellschaft nicht anschlussfähig ist. Sexismus = Scheiße. Gewalt + Kriegspropaganda = Scheiße. Auch immer und immer wieder, egal wie kalkuliert der Anlass sein mag.

  2. avatar PC Game says:

    Ich habe den Artikel in Spiegel Online gelesen, aber das ist doch alles nur viel Rauch um nichts…

  3. Pingback: Insert Moin — Folge 653: Von Arschgeigen und Arschlochgamern | Superlevel

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