Spec Ops und die Sache mit dem Antikriegsspiel

Ich hatte mich vor einiger Zeit (eher oberflächlich) schon mal mit dem Thema beschäftigt, ob Shooter denn Antikriegsspiele sein können (hier nachzulesen). Ich war für mich damals zum Schluss gekommen, dass es aufgrund der interaktiven Natur des Mediums per se nicht möglich sei.
Im Gegensatz zum Film, wo das Antikriegsgenre etabliert und anerkannt ist, machen Spiele den Konsumenten zum handelnden Akteur, der selber Entscheidungen treffen muss, die im Idealfall Einfluss auf die Handlung nehmen. Allerdings nur im begrenzten, von den Entwicklern vorgesehenen Rahmen. Eine kritische Auseinandersetzung oder gar Hinterfragung mit meinen getroffenen Entscheidungen fällt schwer, weil ich mir stets darüber bewusst bin, dass ich so gehandelt habe, wie die Macher das für mich vorgesehen haben.

Obwohl der Text schon älter ist, gewinnt er durch Spec Ops: The Line wieder eine neue Aktualität. Der Shooter wird allenthalben für seine ungeschönte Darstellung des Kriegs gelobt, häufig als erstes Antikriegsspiel bezeichnet. Als ich daher meinen Blogeintrag auf Twitter mit Spec Ops in Verbindung brachte, wollte Manu wissen, ob sich meine Meinung denn nun geändert hat:


Nachdem ich das Spiel durchgespielt habe, muss ich sagen: Der unverblümte Sexismus, den das Spiel zur Schau stellt, ist unerträglich. Wir brauchen dringender denn je ein Genderdebatte für Games. Und…ach halt, falsches Thema.

Neuer Versuch: Nachdem ich das Spiel durchgespielt habe, muss ich sagen: Nein. Spec Ops: The Line ist ein hervorragender Shooter, der mich schockiert, verwirrt, wütend, zynisch oder konsterniert auf das Gesehene reagieren lässt. Krieg wird als entmenschlichendes Chaos dargestellt, das schnell der Kontrolle aller Beteiligten entgleitet und eine Eigendynamik entwickelt, an deren Ende nur Verlierer stehen. Insofern ist Spec Ops holistisch als Unterhaltungsprodukt zu sehen, das sich das Prädikat „Antikrieg“ durchaus redlich verdient hat.

Aber: Betrachte ich im Detail, mit welchen Stilmitteln und in welchen Momenten der Entwickler Yager die beschriebenen Gefühle hervorruft, dann muss ich feststellen, dass dies eigentlich ausnahmslos in den Zwischensequenzen geschieht. Grausame Szenen, bei denen ich als Spieler schlucken muss, werden permanent durchbrochen von Spielpassagen, in denen ich zu fetziger Rockmusik hunderte Gegner über den Haufen schieße. Deren tote Körper meist auch alle recht schnell wieder vom Schlachtfeld verschwinden. Statt mich permanent durch von mir produzierte Leichenberge waten zu lassen, räumt das Spiel (aufgrund technischer Limitierungen?) immer schön vor mir auf, bevor ich im Level weiterlaufe (bis auf die eine, so vielzitierte Szene). So verstärkt sich bei mir nur der Eindruck, dass die Gegner keine Menschen, sondern einfach anonyme, inhumane Hindernisse auf dem Weg zur nächsten Filmsequenz sind.

Nur verwundete Gegner krümmen sich stellenweise mit Schmerzen Boden. Ich kann sie entweder qualvoll sterben lassen oder brutal exekutieren – was Spec Ops mit zusätzlicher Munition belohnt! Die Mechanik überlagert die Geschehnisse. Warum sollte ich Munition verschwenden, um dem Gegner einen Gnadenschuss zu verpassen, wenn ich stattdessen bitter nötige Inventargegenstände fürs Einschlagen von Köpfen bekomme? Wirklich „antikrieg“ wäre es gewesen, wenn mich Spec Ops am Ende des Spiels mit der Frage konfrontiert hätte, „War’s das wirklich wert? Für ein paar Gewehrkugeln hast so du so schnell und bereitwillig deine Menschlichkeit aufgegeben?“. Hat es aber nicht.

Es sind also nicht die Spielanteile von Spec Ops, die es „antikrieg“ machen, sondern die Filmanteile. Die Macher bedienen sich eines anderen Mediums, dem des Films, um die Sinnlosigkeit des Krieges zu zeigen.
Man darf an dieser Stelle andere Meinung sein; nämlich der, dass man ein Spiel natürlich immer in seiner Ganzheitlichkeit konsumieren muss, die formale Trennung zwischen spielerischen und filmischen Elementen daher unzulässig sei. Wenn ich aber feststellen muss, dass sich die beiden Anteile in ihrer Wahrnehmung und Wirkung sich so offensichtlich beißen, komme ich nicht umhin, Spec Ops als Kriegsshooter mit Antikriegs-Filmpassagen zu bezeichnen.

Das macht den Titel aber trotzdem zum aufwühlendsten und lobenswertesten Versuch, sich dem Thema aus der Spielebranche anzunehmen, der sich angenehme vom bräsigen, gewaltgeilen Patriotismusbrei der Konkurrenz abhebt.

Permalink

8 Responses to Spec Ops und die Sache mit dem Antikriegsspiel

  1. avatar mandaya says:

    ich habe ja erst kürzlich deinen „alten“ anti-antikriegsspielartikel kommentiert und bemerke, wie du deinen standpunkt hier relativiert hast. ich stimme dir auch in deiner kritik jetzt zu, und freundlicherweise hast du ja die argumente gegen deine jetzige haltung gleich selbst im vorletzten absatz gebracht. 🙂
    drum: du hast IMHO recht mit deiner kritik, aber im vergleich zum restlichen militainment-allerlei scheint mir yagers versuch doch sehr, sehr beachtlich und notwendig. und ja, hey, story ist halt in den meisten genres eher aufgestzter aufputz als spielerisch entscheidend, aber so hintergründig hat bisher kaum ein spiel versucht, die spieler durch story und präsentation zum nachdenken zu bringen. schon deshalb ist SOTL ein fortschritt. siehe hier: http://videogametourism.at/node/1627

    • avatar weltraumer says:

      Habe deinen ersten Kommentar schon gelesen, aber weil ich wusste, dass ich sowieso noch ausführlicher über das Thema in Bezug auf Spec Ops schreiben werde, habe ich da nicht geantwortet.

      Du sagst, „aber im vergleich zum restlichen militainment-allerlei scheint mir yagers versuch doch sehr, sehr beachtlich und notwendig.“
      Warum das „aber“? Denn genau das sage ich doch im letzten Absatz auch, nur mit anderen Worten.

      Danke für den Link, werde mir deinen Artikel gleich mal durchlesen.

  2. Pingback: w00t zum Sonntag | Superlevel

  3. avatar Magnus says:

    Es ist sehr richtig von dir, das Medium Film im Zusammenhang mit der Inszenierung von heutigen Computerspielen zu nennen. Denn im Fall von Spec Ops bedienen sich dessen Macher natürlich von diversen Anti-Kriegsfilmen.

    Jedoch finde ich es gerade schade, dass hier das Spiel mir offensichtlich nur versucht in Zwischensequenzen seine Thematik effektiv nahe zubringen. Wie in den meisten aktuellen A-Games überwiegt der Unterhaltungsanteil, der Konsum von vorgegebenen Passagen und Cutscenes, gegenüber dem selbst Spielen und entscheiden.

    Und genau in diesem zweiten Part sehe ich eine große Chance. Hier wird Spec Ops als
    „Kriegsshooter mit Antikriegs-Filmpassagen“ bezeichnet,
    wie eindrucksvoll wäre es jedoch, ein Anti-Kriegsspiel zu erschaffen, das ohne jede Zwischensequenz auskommt und mir seine Botschaft in Form meiner eigenen Handlungen präsentiert? Das wäre dann vielleicht ein Anti-Kriegsspiel.

  4. Pingback: Sonntagslinks #141 — KALIBAN (You are likely to be eaten by a grue)

  5. Pingback: Spec Ops: The Line - Fear and Loathing in Dubai | Video Game Tourism

  6. Pingback: Spec Ops: The Trojan Horse | Superlevel

  7. Pingback: w00t zum Sonntag | Superlevel