Die Mühlen der PR



“Journalism is printing what someone does not want printed. 
Everything else is public relations.”

George Orwell (1903 – 1950)

Präziser vermag man das Spannungsfeld, in dem der Journalismus sich betätigt, kaum in Worte gießen. Daher wird ihn jeder Redakteur auf Anhieb unterschreiben und gutheißen, denn ich stelle die vermessene, in keiner Weise empirisch belegte Aussage auf, jeder Journalist will im Herzen ehrliche und ungeschönte Artikel für seine Leser schreiben. Das gilt auch für die Fachpresse des Videospieljournalismus, dem man ja immer eine besonders große Nähe zu seinem Berichterstattungsobjekt vorwirft. Die Gefahr, in die kritiklose Hofberichterstattung abzugleiten, ist hier ungleich immanenter, weil die Abhängigkeit in Form von Rezensionsexemplaren, Quellenzugang und Anzeigengeldern nie gänzlich von der Hand zu weisen ist. Trotzdem unterstelle ich den Kollegen, dass auch sie hohe Ansprüche an sich selbst stellen und gerne kritischen Journalismus mit Tiefgang machen, der den bloßen Nachrichtenwert übersteigt.

Das Problem nur ist die Realität im journalistischen Alltag, die es einem oft sehr schwer macht, diesen Ansprüchen gerecht zu werden. Das mag generell für Fachpresse gelten, für die Spielepresse kann ich aber aufgrund meines Berufes aus Erfahrung sprechen.

Hochglanz-Produkt-PR

Wer versucht, eingelaufene Pfade zu verlassen, dem werden schnell die Grenzen aufgezeigt. Gar nicht unbedingt von der eigenen Chefredaktion, weil die Angst vor Sanktionen der Werbekunden hätte, sondern von der Industrie. Da trifft man auf PR-Mitarbeiter, die sofort ins Schwimmen kommen, wenn man sie mit Anfragen abseits der üblichen Kontaktierungsgründe konfrontiert. Wer Rezensionsmuster oder Pressematerial sucht, dem kann schnell geholfen werden; wer dahingegen wissen will, wie das Unternehmen denn zur in der Öffentlichkeit tobenden Urheberrechtsdebatte und dem Erfolg der Piratenpartei steht, der erntet Ratlosigkeit und Stille.

Themen, die von Hochglanz-Produkt-PR abweichen, sind nicht vorgesehen. Mehrere Hierarchien an PR-Abteilungen sorgen zuverlässig dafür, dass nur offizielle Kommunikation in eine Richtung stattfindet. Die wenigsten Anfragen schaffen den Stille-Post-Hürdenlauf von Deutschland über die Europaniederlassung in die Zentrale in den USA. Sollten sie doch da ankommen, werden Interviewanfragen gerne mal mit “Gerade haben wir keine Interviews vorgesehen, bei der nächsten Runde seid ihr dabei” beantwortet, weil ein Fünf-Monatsplan für Produkt-PR genau vorsieht, wann über welches Thema gesprochen werden soll. Solche Interviewpläne bedeuten dann, dass ein vorher instruierter Gesprächspartner mehr oder weniger motiviert an einem Tag im Hotel oder per Telefon 15 Interviews abreißt. Das Ergebnis sind dann im Anschluss eine Handvoll austauschbare, weil fast inhaltsgleiche Interviews in allen gängigen Publikationen.

Nicht-mit-Presse-Sprecher

Versuche, außer der Regel an Informationen kommen, sind in der Industrie gar nicht gern gesehen. Ich habe es erlebt, dass Pressesprecher ohne Skrupel bei meinem Vorgesetzten anriefen und sich beschwerten, weil ich seriös um eine Stellungnahme gebeten hatte und auch nach mehrfachem telefonischem Abwimmeln durch die Assistentin hartnäckig blieb. Ein Pressesprecher, der sich echauffiert, weil die Presse mit ihm sprechen will, offenbart eine erstaunlich von meinem Verständnis abweichende Interpretation seines Berufs.
Auch die informelle Unterhaltung, gerne als „off the record“ bezeichnet, gilt heutzutage scheinbar per se als Todsünde. Die Kontaktaufnahme für ein Recherchegespräch mit einem Vertriebsmitarbeiter kann schon mal in äußerst pikierten und belehrende Mails der zugehörigen Pressestelle resultieren, man möge sich doch bitte an die “gängige Praxis” halten, also nur mit der Presseabteilung kommunizieren. Der direkte Kontakt zu Mitarbeitern sei künftig zu unterlassen. Und das, wohlgemerkt, obwohl klar war, dass das Gespräch nicht wörtlich und schon gar nicht unter Angabe von Personen- oder Firmennamen seinen Weg in die Berichterstattung finden würde.

Bei vielen PR-Agenturen und -Abteilungen herrscht offenbar das Missverständnis vor, jedwede Berichterstattung über den Kunden beziehungsweise das eigene Unternehmen, die nicht offiziell gesteuert ist, wäre automatisch schlecht. Aber nicht jede außerplanmäßige Story muss zwangsläufig der skandalträchtige Enthüllungscoup sein, der das Unternehmensimage nachhaltig ankratzt. Die wenigsten Journalisten sind bereit, für eine spektakuläre Schlagzeile mit zweitägigem Haltbarkeitsdatum dauerhaft eine gute Quelle ,zu verbrennen‘.

Ich muss allerdings an dieser Stelle ausdrücklich betonen, dass es auch löbliche Ausnahmen gibt. PR-Teams, durchaus auch bei großen Konzernen, die nett, schnell und kompetent auch auf außerplanmäßige und/oder unangenehme Anfragen reagieren.

Guter Journalismus bedeutet nicht automatisch Krawall, bei dem irgendjemand verärgert oder bloßgestellt werden muss. Insofern hat Orwell wohl doch nicht gänzlich recht. Von einer guten Hintergrund-Reportage, gerne mit Unterstützung der PR-Teams, profitieren alle: Die Publikation kann mit lesenswerten Inhalten aufwarten, gewinnt Integrität und Glaubwürdigkeit. Der Leser freut sich über Texte, die über den reinen Nachrichtenwert hinausgehen und weniger austauschbar sind. Die Firma sieht ihren Namen in einem Umfeld, das nicht nur wie eine abgetippte Pressemeldung wirkt.

Wenn das nur mehr PR- und Presseabteilungen verstehen würden …

Fazit:

tl;dr
Weil sich im Internet sowieso keiner für Plädoyers über guten Journalismus interessiert, hier ein lustiges Katzenbild:

 

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13 Responses to Die Mühlen der PR

  1. avatar MrLuzifer says:

    Sehr interessant mal zu erfahren wies wirklich aussieht!

    Uuuuuuuuiiiiiiiii Katzenkontent! :P

  2. avatar Rob says:

    Ich interessier mich für Plädoyers über guten Journalismus :(
    Aber Katzenbilder kommen auch immer gut! :)

  3. Pingback: Superlicious | Superlevel

  4. avatar Klaus says:

    Jemand von der “Spiele-Presse” will von einem Spiele-Hersteller wissen: “wie das Unternehmen denn zur in der Öffentlichkeit tobenden Urheberrechtsdebatte und dem Erfolg der Piratenpartei steht” …und wundert sich (und beschwert sich darüber), dass der zuständige Pressespreche nur verwundert den Kopf schüttelt? Geht’s noch? Das ist ein S P I E L E -Hersteller ! aber kein verantwortlicher Politiker.

    Ich frag meine Käseverkäuferin auch nicht, wie sie zur Politik des Herrn Bürgermeister Wowereit und dem Flughafen-Desaster “steht”. Oder zu Obama, oder zur Homo-Ehe, oder zu irgendetwas sonst außerhalb von Käse und Wetter. Und wenn ich doch frage (kost’ ja nix) und sie will mir dazu nix sagen (sondern nur Käse verkaufen; die Schlange der wartenden Kunden wird schon länger), ist das ihr verdammt! gutes Recht.
    Wenn sie danach anderen Kunden von diesem eigenartigen Depp erzählt, der ihr Löcher in den Bauch fragt, über Dinge die ihn nix angehen und sie einen feuchten Dreck interessieren, ist das nicht nett, …aber auch nicht verwunderlich. Überhaupt nicht.

    • avatar weltraumer says:

      Spieleentwickler sind Erschaffer von kreativen Inhalten. Und damit genau die Leute, die von Urheberrecht-Novellierungen betroffen sind und deren Rechte durch Vorhaben wie ACTA vermeintlich gestärkt werden sollen.

      Wenn ich jetzt von ein Stimmungsbild der Branche zu solch einem Thema zeichnen will, das handfeste Auswirkungen auf die eigene Arbeit und die eigenen Produkte hat, finde ich das überhaupt nicht merkwürdig.

      Die Film- und Musikindustrie nutzt im Vergleich fast jede Möglichkeit, ihre Meinung öffentlichkeitswirksam ‘herauszuposaunen’ – das gilt dort sogar als gute Lobbyarbeit für die eigenen Interessen.

      Natürlich frage ich meine Käseverkäuferin nicht zum Flughafen-Disaster. Wenn die EU in Brüssel aber eine Neuregelung der Transport- und -Lagergesetze für Käse plant, ist es durchaus sehr interessant, ihre praktische Meinung dazu zu hören.

    • avatar Andreas says:

      Urheberrecht, Raubkopien, sinkende Umsätze – das gehört sehr wohl zusammen und ein Spielehersteller sollte eine Meinung dazu haben. Das hat erstmal nix mit Politik zu tun, sondern u.a. mit Wirtschaft, Kreativität und Service.

  5. avatar pete says:

    Von der PR-Seite kommend sehe ich das ähnlich. Es ist schade, dass viele PR-Abteilungen extrem unflexibel oder gar nicht auf “unplanmäßige” Anfragen reagieren.

    @Klaus: Die Anfrage zur Urheberrechtsdebatte ist aber nicht im Ansatz so weit hergeholt, wie du es darstellst. TeamMeat hat genau zu dem Thema (jetzt nicht zur Piratenpartei aber eben zum Thema Urheberrecht) ein Interview gegeben.
    Die kleinen Entwickler, die meist ohne PR-”Profis” auskommen machen es häufig wesentlich besser als die Großen. Zumindest habe ich oft das Gefühl, dass die meisten Agenturen und Abteilungen nicht verstehen, dass gerade in dieser Branche, und ich persönlich liebe es in dieser Branche zu arbeiten, weil ich Spiele, spielen und alles was damit zu tun hat liebe, (fast) jede Form von PR im Endeffekt positiv für den Erfolg eines Projekts ist.

  6. avatar megavolt says:

    Ich kann mir vorstellen, dass in Unternehmen ein gewisses Misstrauen gegenüber “den Medien” vorherrscht. Und das sicher nicht immer unbedingt zu Unrecht. Es gibt vermutlich viele gute Journalisten, die tatsächlich ihr Handwerk verstehen, zwischen offiziellen und inoffiziellen Kanälen trennen, sauber recherchieren und Artikel vernünftig aufarbeiten.

    Als Medienkonsument bekommt man aber auch mit, dass es offenbar viele Journalisten gibt, die diese Kunst nicht beherrschen. Dabei rede ich nicht alleine vom Boulevardjournalismus: Die Berichterstattung auch in “Qualitätsmedien” zum Beispiel zum Thema Computerspiele war in der Vergangenheit nicht immer unbedingt von Fachwissen und Seriösität geprägt, um es mal vorsichtig auszudrücken.
    Leider kann ich als Laie bei wenigen Themen kompetent beurteilen, ob Berichterstattung gut oder schlecht ist. Als Jurist fällt mir aber auch bei juristischen Themen immer wieder auf, wie oberflächlich manche Artikel recherchiert sind und dass sie mitunter schlichtweg falsche Behauptungen enthalten, die für ein fehlendes Verständnis von der Materie sprechen.
    Da verwundert es wenig, wenn die Unternehmen den Informationsfluss gerne kontrollieren würden. Die Gefahr, dass bei einem falschen Wort oder einem missverständlichen Satz ein medialer Shitstorm entsteht, besteht nämlich durchaus. Zumindest dann, wenn der Journalist nicht in der Lage ist, Aussagen die richtige Bedeutung beizumessen.

    • avatar weltraumer says:

      Volle Zustimmung!

      Aber eine falsche oder unvollständige Darstellung, die auf falschen Vermutungen fußt, provoziert man ja gerade erst dadurch, dass man überhaupt nicht mit Journalisten kommunizieren will.

      • avatar KH says:

        …nur dass man diese Falschdarstellungen ja auch noch “adelt”, wenn man ihnen entsprechendes Futter liefert. Man stelle sich vor, die Bildzeitung – oder ehrlich irgendein anderes Medium – findet eine Aussage von einem offiziellen Sprecher, die man im Rahmen der Killerspieldebatte verwursten kann. Da ist es doch wurscht, was der sagt, es ist immer “Folgen interessieren nicht” bis “Absicht”. Und wenn es die Journalisten eh nicht interessiert, ist es doch auch Perlen vor die Säue.

  7. avatar Stefan says:

    Wahre Worte! Ich habe ja selbst mal in die Games-PR geschnüffelt in meiner Karriere-Laufbahn und genau so habe ich das auch erlebt.

    Aber was ich noch viel schlimmer finde ist, wenn die “Journalisten” einfach nur stupide die Pressemitteilungen runterrasseln. Und dieser Druck vom Publisher auf die (meist kleineren Medien), in Sachen Anzeigen-Schalten und Bemusterung ist teilweise so groß, dass sich ein Magazin/Blog/Whatever sich quasi der PR prostituiert und auf guten Journalismus verzichtet. Beispiele gibt es zu Genüge und sei es nur eine positive Korrektur von Wertungen.

  8. avatar Kapitalistischer Markt says:

    Ohne Abmahnungen und Klagen bis zum Verfassungs-Gericht gäbe es längst vielleicht Frage-Portale wo (in getrennten Gruppen) Anonym, OpenID,Twitter,Facebook,Google+-Accounts, Reporter Fragen einbuchen und bevoten könnten.
    Pressekonferenzen würden so online und ohne Hotel-Säle und ohne Konferenz-Hallen ablaufen und man würde die Top10 der meistgewünschten Fragen gleich sehen und jeder würde sehen ob beantwortet wird oder nicht.
    Telefonkonferenzen sollte man möglicherweise als Rückständig beschreiben und auf Google-Hangouts hinweisen. Branson telefoniert per Skype live aus dem Flugzeug mit CNBC. So geht das heute. “Hang out or hang high”.
    Wenn Fragen nicht beantwortet werden, kann man das online gerne im Bericht ergänzen. Dann lernen die mal mit. Und in Nebensätzen hin und wieder auf “bessere” ( weil ) technologisch nicht so rückständige Studios hinzuweisen kann auch nicht schaden. Denn Image ist alles.

    Die Firmen sind auch von Geld usw. abhängig und dann wird man von Kleinanlegern oder Großanlegern auf zillionen Euros verklagt o.ä. wenn irgendwas vermeintlich schief läuft. Von daher sind Firmen vorsichtig. Das ist in der Politik-Presse und anderen Themen aber auch nicht anders.

    Beide Seiten haben Probleme und probieren mit (meist unmodernen) Methoden ihr Image zu erhalten.

    Wenn die Konkurrenz etwas schreibt muss man es auch schreiben. Dadurch mainstreamifiziert die Berichterstattung weil man auch nur 1/2/3 Seiten hat wie das Konkurrenz-Magazin. Wenn die Konkurrenz Remake15 über 4 Seiten lang und mit Video-Interview und Making Of berichtet, muss man es selber auch obwohl so ein mieses Remake grade mal bestenfalls eine Spalte als abschreckendes Beispiel kriegen müsste. Siehe auch die Making-Ofs zu Kino-Filmen im TV. Kennst Du eines, kennst Du alle. Leider gibts noch keine Making-Of-App (wäre für dieses neue Kurzfilm-Machinima-Video-Erzeugungs-Programm in der Beta ein nettes Plugin) wo man Phrasendreschen lassen kann “Er war der beste Regisseur” “Wir hatten das beste Drehbuch” “Der Kameramann ist super professionell” “Wir hatten viel Spaß im Team” … Wie schrieb mal jemand: Glaubt ihr wirklich die Schauspieler würden freiwillig zu Jay Leno in die Talkshow gehen wenn es nicht in ihrem Vertrag stände und sie ihren Film/Buch/CD/… vermarkten müssten ? Daraus ergibt sich der Rest.

    Und wenn sich ein Journalist was aus den Fingern saugt wie “Dukes erster Level ist fertig” müssen alle hunderte anderen Videospiele-Magazine und RTL-Nachrichtensendungen und die ganze Weltpresse herumnerven bis Videos vom Level zum Download stehen oder gehen der Firma bis zum Release deshalb auf den Keks. Bei Fußball gibt es zum Glück die Transfer-Zeitfenster. Aber auch ausserhalb wird herumspekuliert. Wie schon geschrieben: Beide Seiten sind schuld. Für Gemüse und Tofu gibts keinen Applaus sondern für Fast-Food und Süßigkeiten.
    Preisdruck macht Qualitätsdruck. Es reicht in Diktatoren also, nicht zuzugeben das es viel zu viele Reporter gibt und sie gegenseitig billig in Angst vor (Massen)Entlassung leben zu lassen. Was ein Glück das wir eine wahre Demokratie sind wo jeder von seinem Ausbildungsberuf auskömmlich leben kann wie es am wahren kapitalistischen Markt ein definitorisches Versprechen ist.

  9. Pingback: Link(s) vom 12. Juli 2012 — e13.de

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