Der (einzig wahre) Max-Payne-3-Test

Max Payne 3. Ich habe mittlerweile schon einige Tests, Podcast und Meinungen darüber gelesen bzw. gehört. Kein einziger davon ist wirklich zum Kern vorgedrungen und hat erkannt, warum Max Payne 3 ein brillantes Spiel ist. So, jetzt habe ich‘s gesagt; die Bombe gleich am Anfang platzen lassen.

Dass Max Payne 3 ein sehr gutes Spiel ist, darüber sind sich zwar (fast) alle einig. Aber warum es so außergewöhnlich ist, das vermochte aus meiner Sicht keiner zu erkennen oder zumindest in Worte zu fassen. In Tests und Podcasts wird die für einen Shooter lange Spieldauer, der hohe Detailreichtum der Levels oder die gelungen Animation der Figuren gelobt. Andere befinden die Charaktere, die motivierende Handlung oder das realistische Waffenhandling für gut. Freilich sind das allesamt in der Tat gelungene Aspekte, aber sie sind nicht das, was Max Payne 3 zu einem Ausnahme-Shooter macht. Das Spiel wird – und das ist meist ein allgemeines Problem von Spiele-Rezensionen – auf mechanische, oberflächliche und leicht beschreibbare Aspekte reduziert. Niemand versucht zu vermitteln, wie es sich wirklich anfühlt, Max Payne 3 zu spielen. Es sind nicht Detailreichtum, Handlung oder Charaktere, die das Spiel so toll machen; die sind lediglich das (gelungene) Handwerkszeug, auf denen es aufbaut. Wirklich zu einem Spielerlebnis wird Max Payne 3, weil Rockstar dem Spieler bedingungslos alles abverlangt. In einer Konsequenz, wie sie bei Videospielen bisher beispiellos ist.


Grafik-Tortur

Das fängt bei der Grafik an. Die Entwickler haben sich nicht gescheut, ihr Spiel permanent mit Farbfiltern, Flackern und Streifen zu malträtieren (alle Bilder in diesem Artikel sind unbearbeitet aus dem Spiel übernommen). Oft ist der Monitor in bis zu drei Panele geteilt, auf denen parallel verzerrte Standbilder aber auch Filmsequenzen zu sehen sind. Die Unruhe überträgt sich auf den Spieler: Max Payne 3 ist stellenweise eine optische Qual und das macht es unheimlich anstrengend zu spielen. Ich bin oft versucht zu pausieren, um kurz den Blick aus dem Fenster zu werfen, damit sich die Augen wieder beruhigen. Besser konnte Rockstar die Stimmung des Protagonisten nicht auf den Spielern übertragen. Auch Max würde wohl oft gerne einfach mal für ein paar Sekunden den Blick von seinem alptraumhaften Leben abwenden, um zur Ruhe zu kommen. Stattdessen stolpert er mit von Schmerzmitteln und Alkohol benebelten Sinnen immer weiter. Er nimmt die Welt durch einen Schleier wahr. 
So geht es auch mir als Spieler. Kein Fotorealismus könnte auslösen, was das Gewitter an ,Bildfehlern‘ in Max Payne 3 macht: Ich fühle mich seltsam entrückt vom Spiel, nehme die Welt wie Max durch einen Schleier war. Mein Gehirn tut sich schwer, das Gesehene schnell genug zu verarbeiten, stellenweise bekomme ich das Gefühl, ich hätte den gleichen dröhnenden Schädel wie Max.


Scheiß-Musik

Also ob das nicht schon reichen würde, um meinen Puls permanent auf 180 zu halten, setzt Rockstar bei der Musik noch einen drauf. Statt wie sonst in Filmen und Spielen üblich nur in dramatischen Momenten auch spannungsgeladene Musik zu spielen, setzen einen die Entwickler mit permanent treibender Musik unter Druck. Eine schneller, basslastiger Klangteppich spielt ohne Unterlass. Das ist gnadenlos, denn es erhöht für mich den Dauerstress. Weil ich in hunderten Film- und Spielstunden gelernt habe, dass bei solcher Musik Gefahr droht, stehe ich bei Max Payne 3 permanent unter Anspannung. Die Entwickler gönnen mir keine ruhige Musik zum kurzen Durchschnaufen.
Auf die Spitze getrieben wird das gleich zu Beginn, wenn die Story in einer Disko spielt. Ein unbändig hämmernder Techno-Beat übertönt alles, Stroboskop-Blitze zucken in Sekundenabständen. Das Konzentrieren auf die Spielmechanik ist fast unmöglich. Ich denke, »Macht doch mal die scheiß Musik leiser, damit ich in Ruhe auf die Gegner schießen kann!« Mein Wunsch bleibt ungehört.

Mir ist klar, dass in Spielrezensionen mit Adjektiven wie grandios, brillant oder atemberaubend inzwischen inflationär um sich geworfen wird. Trotzdem oder gerade deswegen sage ich: Max Payne 3 ist ein grandioses Spiel. Nicht obwohl, sondern weil die Entwickler sich offenbar zum Ziel gesetzt haben, die Spieler grafisch und akustisch fertig zu machen. Jeder Aspekt gilt dem Versuch, nachzufühlen, wie sich Max fühlt – auch wenn das schmerzende Augen und ein dröhnenden Kopf bedeutet. Das muss man nicht mögen, aber man muss zugestehen, dass das Max Payne so zu einer der eindringlichsten, weil anstrengendsten Spielerfahrung überhaupt macht.

Permalink

Comments are closed.