Ode an den Gebrauchtmarkt

»Gebrauchte Spiele sind legaler Diebstahl!« Ich staunte nicht schlecht, als Michael Schmalz mir das vor einiger Zeit bei einem Treffen in Kanada sagte. Völlig ohne Ironie vertrat der Chef des Studios Digital Extremes (The Darkness II) die Ansicht, dass der Second-Hand-Handel mindestens genauso schlimm sei wie Raubkopien. Es handelte sich nicht um eine unter der Hand getätigte Aussage; Michael war sich vollkommen im Klaren darüber, dass er mit einem Journalisten sprach, der diese Worte höchstwahrscheinlich weiter verbreiten würde (hat er auch). Es ist wohl nicht vermessen, zu behaupten, dass dies sogar sein Ziel war, denn mit dieser Meinung steht in der Branche keinesfalls alleine da.

Kein Monat vergeht, in dem nicht eine ähnliche Aussage eines anderen Spieleentwicklers über einschlägige Newsseiten geistert. Gerade erst sprach sich Volition-Design-Director (Saints Row) Jameson Durall sogar für einen werkseitigen Schutz  gegen gebrauchte Spiele bei Konsolen aus und befeuert damit das Gerücht, Microsoft würde für die neue Xbox ein solches System planen.
Für die Hersteller ist jedes gebrauchte Spiel ein entgangener Verlust, weil keine originalverpackte Version verkauft wurde. In dieser Logik wird der Second-Hand-Markt mit Raubkopien gleichgesetzt, denn auch hier wird eine Software massenhaft verbreitet, ohne dass der Entwickler einen Cent für seine Arbeit sieht. Neben der ganz offensichtlichen juristischen Abgrenzung, gibt es aber noch weitere Gründe, warum sich gebrauchte massiv von illegal kopierten Spielen unterscheiden.
Die Logik der Hersteller ist meines Erachtens zu kurz gedacht. Kurzfristig mag der Second-Hand-Markt durchaus Probleme für einzelne Studios machen, auf lange Sicht hingegen bin ich der Meinung, dass gebrauchte Spiele gut für die ganze Branche sind und auch einzelne Teams von ihnen profitieren.

Daher sieben Gründe, warum gebrauchte Spiele gut für die Branche sind:

1. Jobs

Zunächst der offensichtlichste Grund: Um gebrauchte Spiele hat sich inzwischen ein großer Kreislauf gebildet, der Milliardensummen umsetzt. Handelsketten wie Gamestop machen einen Löwenanteil ihres Umsatzes mit dem An- und anschließendem Verkauf von gebrauchten Spielen. Selbst wenn ich meine Spiele privat weiterveräußere, nutze ich dafür im Regelfall eine bekannte Verkaufsplattform wie eBay oder Spielegrotte, die dann einen kleinen Prozentsatz Provision vom Verkaufspreis einbehält. Wenn die Mitarbeiter dieser Unternehmen vernünftige Löhne bekommen, dann kann der Second-Hand-Handel nicht grundsätzlich falsch sein.


2. Präsentationsfläche

Ketten wie Gamestop verkaufen eben nicht nur gebrauchte Spiele, sondern auch neue. Wer sich hinten im Laden durch die gebrauchten DS-Spiele wühlen will, der muss zunächst an den ganzen Regalen mit Neuerscheinungen und Vorverkaufsboxen vorbei. Spieleläden schaffen wichtige Präsentationsflächen, die die Hersteller natürlich dankbar annehmen. So greift manch ein Kunde, der gerade ein Spiel zum Ankauf bringt, gleich zur Preorder-Box eines anderen Titels. Second-Hand-Käufer sind keine Pfennigfuchser, die vampirartig eine Branche leersaugen. Im Gegenteil: Sie haben sich bewusst dafür entschieden, ein Spiel zu kaufen, anstatt kostenlos herunterzuladen und pumpen damit jede Menge Geld in die Branche. Sie stellen sich aber dabei ihren ganz eigenen Mix aus Vollpreis-Neuerscheinungen, gebrauchten Budget-Spielen und Klassikern zum kleinen Preis zusammen.


3. Öffentlichkeitsarbeit

Spielegeschäfte bringen ein Hobby in die Fußgängerzonen und damit in die Köpfe der Menschen. Wer das bunt gemischte Publikum sieht, das sich hier die Klinke in die Hand gibt, der muss zwangsläufig seine Meinung über Videospieler revidieren. Ein Glasfassade in bester Verkaufslage in der Innenstadt zeigt: »Schaut her, wir haben nichts zu verbergen. Hier kann jeder reinkommen, schauen und fragen. Videospiele sind kein dunkles Keller-Hobby, sondern eine bunte, fröhliche Unterhaltungswelt, die jedermann willkommen heißt.« Wenn ich erleben darf, wie eine nette Oma nach stundenlanger, kompetenter Beratung ihrem Enkel das neue Zelda kauft, dann profitieren alle davon. Die Oma hat ein tolles Geschenk, der Enkel ein tolles Spiel und der Verkäufer hat etwas verdient. Von dieser Öffentlichkeitsarbeit kann langfristig die ganze Branche nur profitieren.


4. Nachfrage nach der Fortsetzung

Bei beliebten Serien verkaufen sich die Fortsetzungen im Regelfall besser als die Vorgänger. Assassin‘s Creed oder Call of Duty sind Beispiele. Ich behaupte, dass dies auch an der Tatsache liegt, dass etliche Spieler durch gebrauchte Spiele mit der Marke vertraut wurden, Gefallen an ihr gefunden haben und die Fortsetzung gleich zum Release spielen wollten. Weil sie Teil 1 mal zum halben Preis mitgenommen haben, kaufen sie jetzt Teil 2 zum Vollpreis. Der Gebrauchtmarkt beherbergt also eine große Menge an potenziellen Käufern eines Nachfolgers. Langfristig profitieren daher Hersteller vom Gebrauchtmarkt.


5. Hardwareverkäufe

Gebrauchte Spiele kurbeln die Verkäufe von Hardware an. Von einer großen ,Installed Base‘ profitiert die ganze Branche, weil ein großer potenzieller Kundenkreis auch mehr Spieleverkäufe verspricht. Je größer die Plattform, desto eher sind Investoren bereit, Geld in eine Entwicklung zu investieren. Etliche meiner Schulfreunde, früher allesamt eiserne Verfechter des PC als Spieleplattform, spielen heute – wenn überhaupt – nur noch auf Konsolen. Warum? Weil das Spielen hier so einfach ist, weil man einen Titel im Freundeskreis tauschen kann, weil man sich nirgends registrieren, keine Zusatzprogramme installieren muss oder eine dauerhafte Internetverbindung braucht. Wohin Zwangsregistrierung und DRM führen, sieht man bei PC-Spielen, wo der Gebrauchtmarkt so gut wie nicht mehr existiert, aber auch mit Neuverkäufen kein großer Blumentopf mehr zu gewinnen ist. Mit diesen Mitteln wie Kontenbindung konnten die Hersteller kurzfristige Gewinne sichern, langfristig haben sie den ganzen Markt zerstört, viele Spieler auf die Konsolen gedrängt.


6. Angebot-und-Nachfrage

Ich bin sonst kein großer Freund wirtschaftsliberaler Ideologie, aber in diesem Fall ist das Angebot-Nachfrage-Schema durchaus mal brauchbar. Heißbegehrte Spiele verzeichnen durch hohe Nachfrage kaum einen Preisverfall als Second-Hand-Titel. Oftmals liegen die Preise selbst Wochen nach Release nur unwesentlich unter dem Neupreis. Hier hilft nur langes Warten oder doch der Neukauf. Das Bild, dass man Call of Duty eine Woche nach Release hundertfach fürn Zehner in der Grabbelkiste findet, ist schlicht falsch.


7. Ohne Neu- kein Gebrauchtmarkt 

Jedes(!) gebrauchte Spiel wurde einmal neu gekauft. Titel, die also in rauen Mengen auf dem Second-Hand-Markt auftauchen, mussten sich daher zunächst neu sehr gut verkaufen. Ein Spiel, das schon originalverpackt wie Blei in den Regalen liegt, kann per Definition gar nicht oft als gebrauchter Titel auftauchen. Ich behaupte daher, dass noch kein einziges Studio Verluste an einem Spiel machen musste, nur weil es zu oft am Gebrauchtmarkt verkauft wurde. Diese Spiele waren von Anfang an keine Kassenschlager.


»Hey Controllers, leave us gamers alone!«

Betrachte ich alle diese Punkte, komme ich unweigerlich zum Schluss, dass gebrauchte Spiele ein vitaler und essenzieller Bestandteil der Spielebranche sind. Bitte, liebe Entwickler und Publisher, ich habe vollstes Verständnis, wenn ihr gegen Raubkopien vorgeht, denn das ist eindeutig Diebstahl, aber lasst uns unseren Gebrauchtmarkt. Nicht Gamestop, eBay und Co. sind euer Feind, sondern Torrent und Controlling-Abteilungen, die für ein kurzfristiges Umsatzplus langfristig einen ganzen Markt zerstören.

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4 Responses to Ode an den Gebrauchtmarkt

  1. avatar Burki says:

    Du hast Dir wirklich viele Gründe zurecht gelegt, aber einen vermisse ich. Entschuldigung, Herr Schmalz, ich werde doch wohl mit dem von mir geldlich erworbenen Eigentum machen dürfen was ich will. Selbst Apple toleriert die Videos, dass Leute am Releaseday ihre neuen iPads mit Spitzhacken zertrümmern. Tankstellen dürfen auch keine Fahrgemeinschaften verbieten.

    Das ist weltfremd und primitiv gierig. Leider kommen die mit der Bindung von Serials an Nutzerkonten mit dem Scheiß durch.

  2. Pingback: “Ode an den Gebrauchtmarkt” « gebrauchte Software Lizenzen

  3. avatar Vedek Sve says:

    So sehr ich mich gegen diese Schuldzuweisungen an uns Gamer wehre, sehe ich einige der oben geäußerten Punkte durchaus anders.

    Diese Kommentare richten sich ja genau nicht gegen die ganzen kleinen Läden, die Spiele für einen 10er weiterverkaufen, sondern gegen GameStop und co, die Spiele, teilweise am Releasetag als gebraucht verkaufen. Dabei werden dann nicht nur die Publisher (warum die Entwickler jetzt alle schreien, verstehe ich eh nur bedingt) sondern auch wir Spieler/innen fast schon betrogen. Wer ein Spiel eintauscht bekommt meist nur einen extrem niedrigen Betrag (gerade Kinder werden hier oft über den Tresen gezogen, da ihnen EBay nicht zur Verfügung steht) und dann für 5-10 Euro unter Ladenpreis wieder in’s Regal gestellt.
    Oft sind in diesen Läden auch Neuware und Gebrauchtware rein äusserlich nicht von einander zu trennen (beide Packungen sind offen, die gebrauchten dann meist noch mit einem Eding „beschmiert“), denn daran hat man ja auch kein Interesse. GameStop will ja quasi, dass ich ein gebrauchtes Spiel mitnehme, da die Gewinnmarge für sie viel höher ist.
    Von der Beratung in den mir bekannten GameStop-Filialen will ich lieber gar nicht erst reden. Das Beispiel mit der Oma wäre dort aber eher utopisch.

    Dies sind aber alles keine Gründe warum nun alle Entwickler und Publisher versuchen uns ein schlechtes Gewissen beim Gebrauchtkauf einzureden.
    Am meisten stört mich dabei, dass hier völlig vergessen wird, dass Spiele dadurch ihre komplette historische Dimension verlieren, nur weil man nurnoch in 1-2 Jahreszyklen denkt. Heute kann ich mir immernoch ein gebrauchtes Spiel aus den 1980ern kaufen, aber wird dies 2040 auch noch für die gegenwärtigen Spiele gelten? Das macht mir Angst.

  4. Sehr schöner Artikel zum Thema, ich komme aus einer ähnlichen Ecke, wir handeln mit Gebrauchtsoftware, hauptsächlich Büroanwendungen, Betriebssysteme etc.. und die Hersteller machen es einem nicht leicht. Glücklicherweise hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) vor wenigen Tagen ein sensationelles Urteil erlassen, wonach der Handel mit gebrauchter Software nun 100% legal ist.