Auf eine Pizza #2 – Quo vadis, Spielepresse?


Daniel: 
Christian, du hast lange Jahre als professioneller Spielejournalist gearbeitet, aber jüngst die Seiten gewechselt, sprich: arbeitest jetzt für einen Entwickler. Ohne jetzt in die Details für deine Entscheidung zu gehen, denkst du, dass eine professionelle Spielepresse heute überhaupt noch eine Daseinsberechtigung hat? Das Internet ist voll mit Bloggern, Podcastern und Let’s-Playern, die auch über Spiele informieren.

Christian: Dabei wären die Details der Entscheidung doch das Interessante! Aber um das abzukürzen: Dass ich den Spielejournalismus verlassen habe, liegt nicht daran, dass ich nicht an seine Zukunft glaube. Im Gegenteil, die institutionalisierte Spielepresse hat eher an Bedeutung gewonnen, eben weil sie in einer ganz neuen Konkurrenzsituation steht. Sie muss sich mehr anstrengen.

Daniel: Hat sie wirklich an Bedeutung gewonnen? Ich habe das Gefühl, dass die etablierten Publikationen, die ihre Wurzeln im Regelfall im Printbereich haben, im Internet nur als eine weitere Quelle wahrgenommen werden. News finde ich schneller auf Twitter und in US-Blogs. Vorschauen zu einem Spiel tauchen dank Embargos der PR-Abteilungen oft auf die Minute genau parallel auf einschlägigen Seiten auf und sind dann inhaltlich noch sehr ähnlich, weil alle Journalisten auf dem gleichen Event waren. Anstrengung sieht anders aus, finde ich.

Christian: Stimmt. Die Spielejournalisten haben ihr Deutungsprivileg verloren. Man darf nicht vergessen, dass Spielejournalisten traditionell eine Torwächterfunktion hatten: Wer mehr über kommende Spiele wissen wollte, kam um Zeitschriften nicht herum. Das Internet hat das schon allein deshalb weggewischt, weil ich darin problemlos US-Seiten lesen kann, während eine englische EDGE in meiner Jugend wie ein Schatz behandelt und vorsichtig durchgeblättert wurde, während man sich im Flüsterton unterhielt. Dieser Nimbus ist weitgehend verloren, heute stehen mir unzählige Quellen zur Verfügung. Warum also sollte ich gerade ein 4players, eine GameStar oder eine Computerbild Spiele wählen? Diese Frage müssen die Redaktionen neu beantworten.

Daniel: Bisher, so scheint es mir, wird dieser Frage vor allem mit Exklusivität beantwortet: Exklusiv-Vorschau, Vorabtest oder die erstmalige Vollversion auf Heft-DVD. Exklusivität erarbeitet sich aber dann nicht die Redaktion, sondern es ist ein von den Herstellern eingeräumtes Privileg. Statt die eigenen Stärken auszuspielen, hechelt man von einem Honigtopf der Hersteller zum nächsten.

Christian: Das ist gut beobachtet. Exklusivität ist eines der Privilegien, die der Branche noch geblieben sind, weil sie der Spieleindustrie einen einfachen Tausch anbieten kann: Information gegen Reichweite, also den Zugang zu möglichst vielen Menschen. Das ist eine simple Kosten-Nutzen-Rechnung und hat nicht viel mit Wertschätzung zu tun. Lass ein Spieleblog hunderttausend Visits vorweisen, und schwups wird der Blogger zur nächsten Preview-Sause eingeladen statt dem Redakteur von Spieleheft Nummer 4. Zudem haben die meisten großen Publisher längst entdeckt, dass sie sich ihre Öffentlichkeit mit eigenen Videoshows selbst schaffen können. Das durchschauen die User aber als Werbung. Das einzige Pfund, mit dem Spielejournalisten wuchern können, ist Glaubwürdigkeit.

Daniel: Beim Punkt, dass alle User die Shows, Trailer und Blogs der Hersteller als Werbung erkennen, muss ich dir widersprechen. Redakteure sehen sich gerade im Internet oftmals Beschimpfungen und Anfeindungen gegenüber, wenn sie ein heiß erwartetes Spiel vorab zu sehr kritisieren. Menschen, die das Spiel selber noch gar nicht gespielt haben, werfen den Redaktion Unfähigkeit oder gar absichtliche Desinformation vor, weil sie sich von der Hochglanz-PR haben blenden lassen. Die Hersteller haben es stellenweise geschafft, die Kunden auf ihre Seite zu ziehen und zu Aposteln zu machen, die jegliche Kritik am Spiel bereits vorab wegzubrüllen versuchen.

Christian: Die Meinung des Publikums ist kein Kriterium für die Berichterstattung. In der Praxis ist es für Spielejournalisten Segen und Fluch, dass sie so nah an ihrem Publikum sind. Sie bekommen sehr unmittelbare Rückmeldungen, sind aber auch Klienteldruck ausgesetzt. Abgesehen davon – Überschwang und Groll der Spielerschaft betrifft Blogger genauso.

Daniel: Schon, aber Bloggern gesteht man offenbar mehr Integrität zu, weil man ihnen keine finanzielle Abhängigkeit unterstellt. Ein Spielemagazin sei eben gekauft, wenn es gut über ein Spiel schreibt, ein Blogger hingegen in seiner Euphorie nur etwas übers Ziel hinaus geschossen.
Um aber noch einmal auf die von dir angesprochene Frage zurückzukommen, die sich die angestammten Redaktionen angesichts der Konkurrenz stellen müssen. Denkst du, man könnte die Antwort in der Einordnung und Kommentierung für den Leser finden? Also weg vom objektiven Spiele-TÜV, hin zum Meinungsleitmedium für die Branche.

Christian: Journalismus ist eine Dienstleistung, und die Redaktionen müssen für sich entscheiden, welche Art von Dienst sie anbieten, genau wie die Leser entscheiden, ob sie diesen Dienst benötigen oder anderswo womöglich besser, schneller oder günstiger finden. Die traditionelle Dienstleistung des Spielejournalismus, die Kaufberatung – oder sagen wir: das Qualitätsurteil – hat an Wert verloren, weil das Internet den Markt ruiniert hat. Gute Kritiken bekomme ich überall umsonst, zeitnah und unterhaltsam. Es gibt also zuviel Butter, und es bringt nicht unbedingt einen Vorteil, noch viel mehr Butter zu produzieren. Wie können die Redaktionen ihrer Dienstleistung einen neuen Wert geben?

Daniel: Aus meiner Sicht läge ein Wert in spannenden Reportagen, intelligenten Essays oder messerscharfen Kolumnen – eben Artikel, die ich im Netz nicht von der Stange finde. Allerdings stehe ich damit offenbar allein auf weiter Flur, denn Publikationen, die aus meiner Sicht gute Ansätze zeigen, sind rar und klein. Die GEE führt ein Nischendasein und die englische EDGE ist eher ein Liebling für Menschen aus der Branche. Den großen Massengeschmack scheinen beide nicht zu treffen. Es scheint also, als ob man zunächst Berge von – wie du sagst – Butter braucht, um den Laden am Laufen zu halten, um sich dann mal einen netten Artikel zu gönnen.

Christian: Du schreibst selbst als freier Autor für etablierte Publikationen und bloggst nebenbei über Spiele. Wie unterscheidet sich die Arbeit?

Daniel: Zunächst bin ich weit davon entfernt, ein regelmäßiger und weit gelesener Blogger beim Thema Videospiele zu sein. Weil das hier Privatprojekt ist, das ich lediglich zum Spaß mache, schreibe ich hier lediglich meine ganz persönlichen und sehr selektiven Eindrücke auf.
Als freier Autor hingegen merke ich oft das, was ich gerade erwähnt habe. Den Redaktionen ist zunächst das Tagesgeschäft wie News, Tests und Vorschauen wichtiger, damit die ,Ernte im Trockenen‘ ist. Ist darüber hinaus noch Zeit, wird vielleicht auch mal ein zusätzlicher Artikel angedacht. Verdenken kann ich das den Kollegen angesichts der sehr dünnen Personaldecken allerdings nicht.

Christian: Es gibt bei begrenzten Ressourcen einen grundsätzlichen Konflikt zwischen Abdeckungsbreite und Durchdringungstiefe. Die meisten Redaktionen entscheiden sich für die Breite, was durchaus nachvollziehbar ist. Das ist eine der Antworten auf die Dienstleistungsfrage: »Bei uns bekommst du alles aus einer Hand«, was sich aus der grundlegenden Erkenntnis speist, dass die Mehrheit der Kunden sich nicht für das hochwertigste oder günstigste Angebot entscheidet, sondern für das bequemste. Dagegen ist nichts zu sagen, zumal Blogger einen solchen Rundum-Service schlicht nicht leisten können.

Daniel: Das stimmt. Mich würde an dieser Stelle deine Meinung zu den Auflagen der Print-Zeitschriften interessieren: Denkst du, der bisherige Verfall wird sich bis zur Einstellung fortsetzen oder wird sich die Kurve zusehends abflachen, weil eine Restleserschaft bleibt?

Christian: In ihrer jetzigen Form spielen Spielezeitschriften keine Rolle mehr. Sie haben einen rapiden Absturz vom Massenmedium hin zum Liebhabermarkt durchgemacht, und es ist letztendlich gleichgültig, ob die Talsohle bei 80.000, 50.000 oder 10.000 Stück liegt. Als zukunftsträchtige Geschäftsgrundlage taugt nichts davon. Guter Journalismus funktioniert unabhängig vom Medium, als Internet-Text, als Video, als Podcast. Die Kernfrage ist einmal mehr, was guter Spielejournalismus ist. Wirklich nur messerscharfe Analysen?

Daniel: Zumindest für mich ist der das. Ich merke ja an mir selber, dass ich aufgrund der vielfältigen Informationsmöglichkeiten nur noch wenige Tests lese. Ich freue mich eher über gedankenvolle Artikel, die ich mit einem »Stimmt, so habe ich das noch nicht betrachtet« lesen kann.

Christian: Ich freue mich auch über gute Unterhaltung. Ein Kennzeichen von gelungenem Erzählen ist für mich, einem Thema eine originelle Perspektive abzugewinnen. Das können Blogger ausgezeichnet, oft besser als institutionalisierte Autoren. Sie erlauben sich mehr Freiheit im Denken.

Daniel: Richtig, weil sie eben auch bei der Themenwahl viel freier sind. Von einem Fachmagazin erwarten viele zurecht eben auch, dass es alle aktuellen Titel behandelt und testet. Das ist Fluch und Segen zu gleich. Einerseits gibt‘s den Release-Kalender, an dem sich die Redaktion themenmäßig entlanghangelt, anderseits ist sie so auch sehr festgelegt und findet sich in der Pflicht, umfassend und aktuell alle Neuerscheinungen zu testen.

Christian: Das Internet hat die Arbeit von Spielejournalisten unumkehrbar verändert, aber nicht in erster Linie, weil es den Kunden den Zugriff auf Informationen erleichtert, sondern den Zugriff auf Spiele. Der Spieletester ist als Schnittstelle dadurch entwertet, dass sich Spieler schnell und unmittelbar selbst einen Eindruck verschaffen können, über Youtube, über Steam, über Demos und Lite-Versionen, durch Free2Play-Modelle. Wir erleben die gleiche Verfügbarkeitsrevolution wie zuvor die Musikindustrie. Natürlich ist die Aufgabe eines Kritikers in diesem Angebotsrauschen auch das Sortieren und Empfehlen. Vor allem ist es aber die Interpretation. Mich interessiert an einer Musikkritik nicht im geringsten, ob ich das Album kaufen soll oder nicht, das habe ich längst selbst entschieden, die Songs laufen während des Lesens. Ich will wissen, was der Kritiker von der Musik hält. Ich will meine Meinung mit seiner vergleichen. An diesen Punkt kommen wir auch für Spiele. Das Interesse des modernen Lesers ist nicht mehr auf den Nutzwert gerichtet, es ist ein Diskursinteresse.

Daniel: Verständlich, allerdings agieren etliche Redaktionen immer noch aus dem Anspruch, eine objektive, unumstößliche Testmeinung zu bieten. Der Sprung über den eigenen Schatten, sich als Meinungsvorschlag zu sehen, fällt aus der Historie schwer.

Christian: Ach Gott, jeder Kritiker ist im Kern davon überzeugt, dass er recht hat, ob er das nun durch den Versuch eines objektiven Tests ausdrückt oder durch einen Meinungsvorschlag, wie du das so schön nennst. Der Unterschied ist vernachlässigbar.
Das Paradoxe ist, dass die professionelle Kritik heute unter dem leidet, was sie eigentlich auszeichnet: ihre Routine, ihre Erfahrung. Die besten Kritiker sind solche, die ihre Materie perfekt beherrschen. Was professionelle Spielejournalisten idealerweise ins Feld führen, ist ihr Kenntnisreichtum, der Vorteil der Übung und der Quellennähe. Das wäre ihr Rüstzeug, damit müsste man sich vor keiner Schlacht fürchten. Aber, um im Bild zu bleiben: Die Kampftaktiken haben sich geändert. Die Redaktionen müssten den immensen Schatz ihrer Expertise zeitgemäßer nutzen.
Fachjournalismus wirkt sinnstiftend: Da sind zigtausend Menschen, die sich für eine Sache interessieren, und die dankbar dafür sind, wenn eine Autorität, eine respektable Institution ihr Interesse validiert. Starke redaktionelle Marken können solche Institutionen sein, das ist ihr Alleinstellungsmerkmal und ihre Daseinsgrundlage. Aber sie sollten sich vor Augen halten, dass Respekt stetig neu verdient werden muss.

Daniel: Ein schönes Schlusswort.

 

,Auf eine Pizza‘ ist ein in unregelmäßigen Abständen geführtes Gespräch zu einem Videospiele-Thema zwischen Christian Schmidt und Daniel Raumer, dem Betreiber dieses Blogs.
Christian ist ehemaliger stellv. Chefredakteur der GameStar und arbeitet mittlerweile für den Hamburger Spieleentwickler Bigpoint. Zusammen mit Gunnar Lott betreibt er den privaten Retro-Spiele-Podcast Stay Forever.

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2 Responses to Auf eine Pizza #2 – Quo vadis, Spielepresse?

  1. avatar Xanda says:

    Hallo ihr beiden,

    Ich habe das Lesen eures Gesprächs wieder einmal genossen und außerdem viele meiner Ansichten in euren Äußerungen wiederentdeckt.

    Was mir beim Lesen von Spielemagazinen auffällt (ich lese regelmäßig die GameStar und unregelmäßig bei 4players.de), ist dass mich Vorschauen und Tests häufig gar nicht mehr interessieren. Man weiß meistens ohnehin bereits fast alles, was dort berichtet wird, da man es aus Videos oder News-Meldungen auf den einschlägigen Spielewebseiten bereits kennt.

    Den Aspekt zu verfolgen, den Christian angesprochen hat, bei einem Test die eigene Meinung des Autors in den Vordergrund zu rücken, um meine eigene Meinung mit seiner zu vergleichen, finde ich sehr spannend. Als regelmäßiger GameStar-Leser kennt man sämtliche Redakteure dort ja und es ist spannend zu lesen, was diese denken. Bei Tests geschieht es zuweilen, dass ich den eigentlichen Test nicht mehr sonderlich aufmerksam lese, aber die kleinen Meinungsboxen der Redakteure dafür umso ausführlicher. Wenn diese nun mehr Platz einnähmen, würde mir das sehr gefallen.

    Auch Daniels Forderung nach mehr ausgereiften Reportagen, Kolumnen, Analysen usw. kann ich nur unterschreiben. Solche Artikel gefallen mir in der GameStar immer mehr. Was mir auffiel, ist dass, seit Christian nicht mehr dort ist, der Großteil dieser Reportagen von freien Autoren kommen. Ich frage mich, was die Gründe dafür sind, denn ich vermute, dass die Stammredaktion der GameStar durchaus auch in der Lage wäre, fundierte Reportagen zu verfassen. Fehlt in dem Alltagsgeschäft eines GameStar-Redakteurs einfach die Zeit dazu?

    Schöne Grüße,

    Xanda

    • avatar weltraumer says:

      Vielen Dank! Freut mich, dass dir unser Gespräch gefällt.

      Deine Frage nach der Themenfindung und Vergabe der GameStar-Reports kann ich dir leider als Außenstehender auch nicht beantworten.