Kapitalistische Ausbeutung in Skyrim

»Dieses verdammte Spiel ist ja wie Arbeit«, denke ich mir, als ich zum wiederholten Male zum Händler trotte, um den ganzen Krempel zu verkaufen, den ich in der Welt von Skyrim so aufgesammelt habe. So beladen, wie ich mit Schildern, Schwertern, Rüstungen, Helmen und dem ganzen anderen Ritter-Gedöns bin, müsste ich bei jedem Schritt ein dermaßenes Scheppern verbreiten, dass es mich wundert, dass noch keine Anzeigen wegen Ruhestörung gegen mich vorliegen. Aber die Bewohner Skyrims denken sich bestimmt, »Naja, er ist der Auserwählte – wollen wir mal nicht so sein. Außerdem hat er sein Eigenheim Whiterun-Großburgwedel vollkommen ohne Kredit in bar bezahlt«.

Ängstlich lege ich den ganzen Krempel beim Händler auf den Tisch, in der Hoffnung, dass sich das Geschleppe auch gelohnt hat. Am Ende marschiere ich da lediglich mit dem Gehalt eines Investmentbankers raus – und davon kann nun wirklich niemand leben, nicht mal in Skyrim. Verächtlich schnaubt der Händler beim Anblick des beschlagenen Helms, denn eigentlich hat er schon zwanzig Stück davon. Allesamt von mir eingekauft. Egal, er nimmt ihn trotzdem und wirft mir abschätzig ein paar Goldstücke hin. Hastig verstaue ich die in meinem Säckel, bevor er sich‘s anders überlegt, und ziehen von dannen, wieder raus in die raue Skyrim-Welt. Zurück an die Arbeit.

Wie konnte es nur soweit kommen? Gelockt haben sie mich nach Skyrim mit Geschichten von großen Abenteuern, heroischen Schlachten und Kämpfen gegen Drachen. Stattdessen fühle ich mich wie ein Minenarbeiter im 19.Jahrhundert: Die meiste Zeit bin ich unter Tage unterwegs. Einen festen Lohn bekomme ich auch nicht, stattdessen muss ich alles beim Vorarbeiter abliefern, der mich pro Stück bezahlt. Ein betrieblicher Arbeitsschutz ist nicht existent. Obwohl die Tätigkeit in den Dungeons höchst gefährlich ist, bin ich nicht krankenversichert. Behandlungen muss ich aus eigener Tasche bezahlen. Werkzeug und Schutzkleidung werden ebenfalls nicht gestellt.

Der Händler ist der Inbegriff eines Kapitalisten. Obwohl er selber gar nicht arbeitet, verdient er das meiste Geld. Meine Gegenstände verkauft er für das fünffache dessen weiter, was er mir zahlt. Er ist ein Lehrbuchbeispiel für die kapitalistische Ausbeutung des proletarischen Arbeiters durch die herrschende Klasse. Marx und Engels würden sich im Grab umdrehen, wenn sie dort eine spielbare Version von Skyrim hätten.
Kein Wunder, dachte ich, dass vor den Toren Whiteruns schon eine Occupy-Protestbewegung ihre Zelte aufgeschlagen hatte. Zu meinem Entsetzen musste ich bei näherer Betrachtung feststellen, dass es sich lediglich um reisende Khajiit-Händler handelt, die keineswegs ein Interesse am Überwerfen der bestehenden System- und Klassenverhältnisse haben.

Das Skyrim-Pendant zur zeltenden Occupy-Bewegung?

So bleibt mir wohl nicht mehr übrig, als auch heute Nacht wieder meine Schicht in Skyrim zu beginnen. Ich glaube, ich hatte noch nie so viel Spaß daran, ausgebeutet zu werden. Ich könnte mich allerdings ausnahmsweise auch einfach mal der Hauptquest widmen, als mich mit dem ganzen Drumherum aufzuhalten.

 

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One Response to Kapitalistische Ausbeutung in Skyrim

  1. avatar Anon says:

    Hehe 🙂