Körperverletzung? Wie lustig!

Vorab geschriebene Nachrufe für bekannte Persönlichkeiten sind ja in der Presselandschaft durchaus üblich. Weil den italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi nach seiner Rücktrittsankündigung zumindest der politische Tod bald ereilt, sitzt man in den Nachrichtenredaktionen bestimmt schon auf heißen Kohlen mit Artikeln und Klickstrecken à la »Stationen einer Politikerkarriere«. Die Galerie »Die heißesten Bunga-Bunga-Girls« ist mit Sicherheit auch schon vorbereitet.

Weil‘s zunächst nur eine Rücktrittsankündigung war, blieb uns das Schlimmste vorerst erspart. Einen kleinen Vorgeschmack, was noch droht, gab SPIEGELOnline heute aber trotzdem schonmal in Form eines Videos. Hier darf sich der Zuschauer über das »Das Peinlichste vom ‚Cavaliere’« freuen. Eine Auswahl an »Fettnäpfchen« und »peinlichen Aussetzern« unterlegt mit den Tönen der italienischen Nationalhymne, recht stümperhaft geschnitten und in keiner Weise redaktionell kommentiert. Das mag auf YouTube noch ganz lustig sein, einem Nachrichtenmagazin ist es unwürdig, denn auch der Informationsgehalt geht gegen Null.

Zugegeben, Silvo Berlusconi ist weder bescheiden, noch ein Sympathieträger, Anstand und Fingerspitzengefühl hat er auch nicht im Übermaß; aber das ist noch lange kein Grund, sich über ein paar aus dem Zusammenhang gerissene Zitate lustig zu machen. Seriös ist es erst recht nicht. Ich bin mir sicher, dass man über jeden deutschen Politiker ein ähnliches Video schneiden könnte. Es gibt bestimmt etliche Aufnahmen, wie Gerhard Schröder oder Angela Merkel einen schlechten Witz erzählen oder kein Anwesender eine ironische Bemerkung versteht.

Den Vogel der Geschmacklosigkeit schießt SPIEGELOnline aber mit einer Szene aus dem Dezember 2009 ab, als Berlusconi auf einer Wahlkampfveranstaltung von einem geistig verwirrten Attentäter mit einer kleinen Statue im Gesicht getroffen wurde. Im Video ist der ganz offensichtlich unter Schock stehende Ministerpräsident zu sehen, der mit blutüberströmten Gesicht von seinen Leibwächtern gestützt wird – Walzerklänge der Hymne inklusive. Was an Körperverletzung lustig sein soll oder ob es der SPIEGEL als peinliches Fettnäpfchen betrachtet, wenn man sich eine Statue ins Gesicht werfen lassen muss, bleibt im Video ungeklärt.

Berlusconi hat sich in seiner Karriere ganz andere »peinlichen Aussetzer« wie Steuerhinterziehung, Bestechung und Korruption geleistet, die man viel eher in einem Video würdigen könnte – von mir aus auch mit Nationalhymne als Untermalung, wenn‘s denn sein muss.

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One Response to Körperverletzung? Wie lustig!

  1. avatar cold187um says:

    Vollkommen richtig!
    Was Spiegel Online ab und an für Idiotismus liefert überschreitet die Schmerzgrenze um Längen >.<