Mehr Geist für wen?

Eigentlich war ich ja nur im Urlaub. Weil das aber so ein reichlich unaufregender Grund ist, erst jetzt etwas zu Christians SPIEGEL-Essay zu schreiben, behaupte ich einfach, es hätte gänzlich andere, viel überlegtere Hintergründe: Ich wollte eben nicht, wie viele andere, einfach nur auf der Bugwelle der Debatte mitreiten, und irgendwie meinen Senf dazu abgeben, um nebenbei noch ein paar Klicks abzugreifen, sondern mit einigem zeitlichem Abstand auf einen Diskurs schauen, der – das kann man rückblickend sagen – dann doch nur im eigenen Saft kochte.

Es gab auf den Text ja schon so viele wortreiche Repliken, dass man meinen müsste, es wäre jetzt tatsächlich jedes Gegenargument genannt worden. Einen Aspekt – den aus meiner Sicht wichtigsten – hat aber kein Kritiker genannt: Das Zielpublikum ‚da draußen‘ ist einfach nicht gemacht für einen, wie von Christian geforderten, anderen Spielejournalismus. Es fehlt ihm an zwei Voraussetzungen: Allgemeinbildung (eine Anklage ans deutsche Bildungssystem spare ich mir an dieser Stelle) und mediales Verständnis.

Ich denke nicht, dass einer Publikation, die Spiele ernster nimmt und hintergründiger erklärt, die Leser in Scharen zurennen würden. Zu viele Leute können inhaltlich anspruchsvollen Texten dafür zu wenig abgewinnen. Eine Auseinandersetzung mit dem propagierten Weltbild und der Gewalt-ist-die-Lösung-Philosophie in der Modern-Warfare-Serie im Rahmen der geopolitischen Lage wäre sicherlich höchst lesenswert; ein Großteil der Spieler will aber nur wissen, wie lang die Kampagne dauert und ob es da ja auch permanent richtig kracht. Ein Betrachtung im Sinne des Feuilletons ist da Liebesmüh, die nur ein begrenzter Kreis begrüßen würde.

Ich persönlich bin auch eher an Artikeln interessiert, wie Christian sie in seinem Essay beschreibt; gebe aber zu, auch erstmal verschämt ‚Transhumanimus‘ in die Wikipedia-Suchmaske eingegeben zu haben. Meta-Artikel, Kolumnen und spannende Hintergrund-Reportagen finde ich auch lesenswerter als das klassische Vorschau-Test-Schema, dessen Artikel in der Tat oftmals sehr austauschbar geworden sind. Was aber auch größtenteils der Austauschbarkeit der Spiele geschuldet ist: Dem 25. FIFA-Aufguss kann man eben inhaltlich als Redakteur nicht mehr viel abringen.

Mir kann man jetzt zu recht die gleiche Arroganz und das gleiche Dünkeltum vorwerfen wie Christian. Es ist aber leider meine traurige Erfahrung, hier komme ich auf den Punkt mediales Verständnis zu sprechen, dass viele Leser kaum den Unterschied zwischen Kolumne, Report oder Feature kennen. Kolumnen von mir wurden, um nur ein kleines Beispiel anzuführen, auf GameStar schon in den Kommentaren als wertlose Texte abgetan, weil sie, so der Vorwurf, lediglich eine Meinung einer Einzelperson widerspiegeln würden. Wem schon das grundsätzliche Verständnis zum Einordnen von Inhalten fehlt, dem brauche ich nicht mit feuilletonistischen Texten kommen.

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2 Responses to Mehr Geist für wen?

  1. avatar frederik says:

    Ich glaube es gibt mittlerweile genügend erfolgreiche Seiten die das Gegenteil beweisen (z.b. http://www.rockpapershotgun.com). Es gibt ein Publikum für diese Art von Journalismus, es gibt Leser die verstehen was der Unterschied zwischen Meinung und Fakten ist und die es nicht so sehr interessiert wie lang, wieviel Waffen wie etc. das Spiel hat/ist sondern wie es sich spielt. Ich finde es immer noch ein bisschen lächerlich wenn die Gamestar ein Spiel wie braid oder minecraft testet und danach dem Spiel Punkte geben muss. Ja es ist nicht technisch perfekt oder hat keine gute Geschichte(oder hat keine Geschichte) oder die beste Grafik aber das ist nicht der Punkt, denn es macht einfach Spass zu spielen.
    Ach ja was jetzt hier diskutiert wird hat im englisch sprachigen Bereich wohl schon vor langem angefangen (http://gillen.cream.org/wordpress_html/?page_id=3) und auch genügend schlechte wie auch gute Nachahmer gefunden.
    Und der Hauptpunkt der hier gemacht wird scheint mir doch etwas Leserverachtend (die Leute sind zu dumm um die Artikel zu verstehen). Natürlich gibt es Leser die es nicht haben wollen aber niemand verlangt von der Gamestar, dass sie sich verändern nur, dass es mehr alternativen geben sollte. Nicht entweder oder sondern und.
    oder so.

    • avatar weltraumer says:

      Tut mir leid, dass ich deinen Kommentar erst jetzt freigeschaltet habe, aber der wurde als Spam aussortiert (vermutlich wegen der Links), daher habe ich ihn erst jetzt entdeckt.