Spiegel der Gesellschaft?

SPIEGELOnline macht …, ja, was macht SPIEGELOnline da eigentlich, denn Journalismus kann man das ja eigentlich nur schwerlich nennen.

Um den Verkauf der aktuellen Ausgabe (Titel »Der Straßenkampf«) anzukurbeln und die Brisanz des Themas zu betonen, schreibt man auf der eigenen Webseite mal eben kurzerhand einen vermeintlichen Krieg zwischen Fahrrad- und Autofahrern herbei. Weil die Redaktion offenbar zu wenig Material hat, um das irgendwie argumentativ zu untermauern, setzt man dem Leser die »derbsten Wortwechsel« aus Internetforen vor.

» ‚Pedalisten gegen Blechfreunde‘ auf SPIEGELOnline

Ich kann mir denken, wie der Artikel entstanden sein wird. Eine kurze Google-Suche mit den passenden Stichworten und schon hat man blitzschnell irgendwelche Zitate von irgendwelchen Internetnutzern an der Hand, die irgendwo mal irgendwas über den Konflikt Rad- gegen Autofahrer geschrieben haben. Ganz so lange wollte der Redakteur dann aber doch nicht suchen, und so gab er sich mit sieben Zitaten zufrieden.

Ich finde diesen SPON-Artikel in doppelter Hinsicht kritikwürdig. Erstens: Allenthalben wird sich über die schlechten Umgangsformen in Netzforen beschwert. Warum also bietet ein klassisches Medium dem noch eine Bühne und präsentiert ein Best-of-Pöbelei per angenehmer Klickstrecke? Was kommen denn da demnächst noch für ‚Artikel‘? Die fiesesten Cybermobber?

Zweitens: Worin liegt jetzt genau der journalistische Wert und der Informationsgehalt für den Leser dieser »krudesten Sprüche«? Im Internet wird über alles und jedes diskutiert, gestritten und geschimpft. Daraus Beweise für ein gesamtgesellschaftliches Phänomen zu stricken, ist schon arg windig und fragwürdig. Ich gehen jede Wette ein, dass man für jegliche nur denkbare Meinung irgendwo im Internet einen Forenpost findet, der sie lautstark und sprachlich fragwürdig vertritt.

Der erste Pöbler stammt übrigens zufällig aus dem GameStar-Forum, meinem Brötchengeber (ganz kleine Brötchen). Ich kann also mit Bestimmtheit sagen, dass das Thema ‚Auto- gegen Radfahrer‘ hier nicht die vorherrschende Streitfrage ist.

Folgt man der Logik von SPON in Bezug auf das GameStar-Forum, müsste man ein völlig anderes Thema ganz oben auf die Agenda setzen: Hass auf Spielekonsolen. Glaubt man der Meinung einiger Forenuser, dann sind die so ziemlich die schlimmste Geißel der Menschen. Einige der Kommentare sind stellenweise mindestens genauso so »krude« und »pöbelnd« wie die SPON-Zitate. Keine Nachrichtenredaktion würde aber auf die Idee kommen, daraus einen Konflikt zu konstruieren, der eine Mehrheit der Bürger beschäftigt – das zeigt, wie absurd dieser Spiegel-Text ist.

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7 Responses to Spiegel der Gesellschaft?

  1. avatar Jörg Meyerhoff says:

    Die gesamte Titelgeschichte ist ein Trauerspiel. Das Weltgeschehen schlägt Purzelbäume und dem Spiegel fällt nichts Relevanteres als Aufmacher ein, als das alltägliche Straßengeschehen zu skandalisieren und mit dürftigen Zahlen und Fakten einen Anti-Fahrradfahrer-Artikel zu stricken. Besonders perfide wird der Print-Spiegel, wenn er für Berlin die Kosten für Radwegbau ausgerechnet mit den Kosten für die Opernhäuser vergleicht (und nicht etwa mit den Kosten für normalen Straßenbau, Fußgängerwege oder andere verwandte Posten). Schilderungen wie die von den lustvoll allesblockierenden Radfahrer-Studenten Unter den Linden wirken auf jemanden, der wie ich die Strecke jahrelang täglich gefahren ist, wie zum Zweck der Aufhetzung erfunden.

    • avatar weltraumer says:

      Ich habe die Titelgeschichte des Print-SPIEGEL nicht gelesen – und offenbar nach deiner Schilderung auch nichts verpasst.
      Das ganze Thema schien mir als Rennrad- und Autofahrer auch sehr an den Haaren herbeigezogen und mit ein paar Extrembeispielen gespickt, um das Bild einer ‚Amok-Horror-Verkehrssituation‘ in Deutschland zu suggerieren. Eine Einschätzung, die deine Schilderung ja bestätigt.

  2. avatar Anna L. says:

    Als ich das Thema des Spiegels gelesen habe, wusste ich schon, dass ich ihn nicht kaufen werde. Ich bin dann auf SPON zufällig auf die Themenseite bei SpiegelTV gestoßen. Ich finde es erschreckend was Spiegel dort zeigt.

    1. Ein Video über Extrem-Biker, die gefährliche Stunts auf der Autobahn vollführen. Diese Art von Publicity wollen die Leute doch und das ist es auch, was Nachahmer anspornt.

    2. Einseitige Berichte wie böse die Radfahrer sind, am Beispiel von Kurierfahrern und anderen „Sündern“. Also ja, was diese Leute (Kuriere) tun ist unverantwortlich, aber: Der Spiegel berichtet leider sehr einseitig, d.h. wenn man das Thema Straßenverkehr nimmt, so sollte man auch die Fußgänger (laufen bei Rot, laufen 50 m neben der Ampel, …), Autofahrer (rasen, drängeln, …) und Motorradfahrer (rasen, Stunts, …) einbeziehen.

    3. Im selben Bericht werden Kinder gezeigt, die ein Seil aufspannen damit Radfahrer halten. Das ist jedoch genauso unverantwortlich, denn auch hier könnten vor allem Kinder denken, dass das witzig ist und nicht an die Konsequenzen denken, falls der Radfahrer das Seil mal nicht sieht.

    4. Ja, es gibt Radfahrer, die sich nicht an die Verkehrsregeln halten oder um andere Verkehrsteilnehmer kümmern. Das hat jedoch nichts mit dem fahrbaren Untersatz, sondern mit der Person auf dem Rad zu tun. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Person als Autofahrer, Motorradfahrer oder Fußgänger rücksichtsvoller wäre.

    Alles in allem, finde ich die Berichterstattung einseitig, provozierend und nicht konstruktiv. Es wird ein Problem herbeigeredet, welches es nicht gibt. Schade, der Spiegel lässt leider immer mehr nach.

    A.L.

  3. avatar krille krokodil says:

    „Warum also bietet ein klassisches Medium dem noch eine Bühne und präsentiert ein Best-of-Pöbelei per angenehmer Klickstrecke?“

    weil die allermeisten dieser „trends“ schlichte kopfgeburten sozialkontakt-verarmter redakteure sind, die ihre eigene kleine welt umstandslos verallgemeinern, um sich der traurigen wahrheit zu entziehen, dass sie weder wissen, was wirklich vorgeht noch sich dafür interessieren — warum auch, wenn man sich immer noch ein schlagzeile aus dem letzten unverpflasterten finger saugen kann.
    das ist ein verhaltensmuster, das man auch sehr schön in jeder ausgabe der zeit studieren kann, insofern ist die „bild der gehobenen stände“ mal ausnahmsweise nicht vornedran mit „qualitätsjournalismus“.

  4. avatar Jaheira says:

    Die Spiegel-Prügeleien Auto- vs. Radfahrer (Print) und Rad- vs. Autofahrer (Spon) sind noch aus einem anderen Grund absolut niveaulos. Abgesehen von Aggressionen können die Auflistungen von besonders krassen Verkehrsünden nichts nützen. Es wäre konstruktiv, zu schreiben, wie wir – realistisch – unser Verkehrssystem umbauen könnten, so dass durch bessere Strukturen weniger Konflikte entsehen. Und die Frage, was wir dafür zu zahlen bereit sind.

  5. Hi,
    Erstmal: Du hast völlig recht! Genauso habe ich auch gefühlt, daher habe ich einen Artikel dazu geschrieben. Direkt im Nachklatsch auf den Artikel bei Spon. Denn was mir wirklich fehlt bei all den Diskussionen sind verwertbare Fakten. Die sind allerdings gar nicht schwer zu besorgen. Eher knifflig auszuwerten und zu interpretieren.
    Erstaunlich: Ich habe dann im Forum bei Spon mitdiskutiert, die Vorwürfe an Spiegel gerichtet und den Artikel verlinkt. Zuerst alles ok, dann plötzlich waren alle Beiträge von mir in dem Thread gelöscht. Kritikfähig sind die also auch nicht. Im Ton vergriffen hatte ich mich jedenfalls nicht.
    Ich hoffe, ich darf hier auf meinen Artikel verlinken?
    Fakten zu Radfahrern und Unfällen auf Triathlon-Tipps.de
    Ich verweise dann auf meiner Facebook Präsenz nochmal auf Euch…
    Viele Grüße

    Stephan

  6. Pingback: Guter Journalismus – schlechter Journalismus