Human Revolution – Bis zum bitteren Ende

Wer große Angst vor Spoilern hat (bei Geschichten, nicht die an den Autos – vor denen habe ich auch Angst!), der sollte jetzt vielleicht tatsächlich nicht weiter lesen. Ich verrate zwar keine Details oder Storywendungen von Deus Ex: Human Revolution, aber es soll nachher keiner kommen und sagen, er wäre nicht gewarnt worden!


Ich kann mich persönlich an kein Spiel erinnern, das sein Ende so dermaßen verschenkt hat wie Deus Ex: Human Revolution. Naja, wie es der Zufall so will, habe ich gerade gestern das Ende von Borderlands gesehen und das war auch ein enttäuschender Witz. Allerdings gibt‘s einen gewaltigen Unterschied, denn bei Borderlands habe ich (wohl auch, weil ich‘s im Koop gespielt habe) nie so wirklich auf die Story geachtet – die ist ja mehr oder weniger sowieso nur schmückendes Beiwerk.

Bei Human Revolution hingegen ist die Handlung zentraler, stets spannend und nachvollziehbar gewesen. Bis zum entscheidenden Moment nach dem finalen Bosskampf ist das Spiel ein Hochgenuss. Dass es wohl für Adam (bzw. für mich als Spieler) auf die entscheidende Frage hinausläuft, wie er die Zukunft der Menschheit gestalten will, war recht bald abzusehen. Deshalb betrachte ich das auch nicht als großen Spoiler. Die Möglichkeit, als Finale vier verschiedene Lösungen anzubieten, hat mir sehr gut gefallen; auch wenn die Darstellung in der »Drücke diesen Knopf für Ende A«-Form doch ein wenig zu simpel und plakativ war.

Was dann aber folgt, ist aus meiner Sicht ein erzähltechnischer Witz. Habe ich mich nach einigem Grübeln und Abwägen entschieden, folgt für jede Entscheidung ein kleines Filmchen, in denen Adams Stimme aus dem Off ein wenig pseudo-philosophisches Geschwafel ablässt. Insgesamt gibt’s vier davon, allesamt austauschbar. Mehr ist den Entwicklern nicht eingefallen? Ich hätte mir als Spieler gewünscht, dass man mir die Konsequenzen meiner Entscheidung vor Augen führt. Wie schaut die Welt aus, die ich mit geschaffen habe? Warum zeigt man mir nicht Adam dreißig Jahre später, wie er (vielleicht auf dem Sterbebett?) ein Fazit zieht?

Ich verlange ja gar kein Happy-End, eine kulturpessimistische Einsicht wäre aus meiner Sicht auch viel eindrucksvoller, memorabler und der Deus-Ex-Welt angemessener gewesen. Der Transhumanismus als technologische Hydra: Schlägt man einen Kopf ab, sprich: Sarif Industries, dann wachsen zwei weitere nach. Getreu dem Motto: »Wenn wir es nicht machen, dann macht es eben ein anderer.«
Zugegeben, das kurze Gespräch nach den Credits geht vage in diese Richtung, weil es den erzählerischen Boden fürs erste Deus Ex bereitet, aber ein kurzes Soundfile nach dem Abspann reißt‘s dann auch nicht mehr raus. So habe ich das Gefühl, Human Revolution hat den Ball am Elfmeterpunkt, der nur noch hätte eingeschossen werden müssen, einfach liegen lassen. Schade, denn bis zu diesem Moment ist Human Revolution wirklich das beste Stück Software, das ich seit sehr langer Zeit gespielt habe.

Umso verwunderlicher finde ich übrigens, dass mir Henry, immerhin stellvertretender GamePro-Chefredakteur und damit peripher mit Spielen bewandert, vorab sagte, ich solle mich auf ein »großartiges Ende« vorbereiten.

Permalink

3 Responses to Human Revolution – Bis zum bitteren Ende

  1. avatar Thorsten says:

    guter artikel….
    das ende von HR finde ich jedoch nicht verfehlt. zum einen, wie du schon ewähnt hast passt die überleitung zu deus ex ziemlich gut und zum zweiten lässt es viel spielraum für eine eventuelle fortsetzung (nach HR und vor deus ex) zu.
    ich kann mir gut vorstellen, daß je nach erfolg von human revilution, der plan schon in der schublade liegt.

    100% pro…….das beste und ansprechendste spiel seit langer zeit!

  2. avatar Dennis Kogel says:

    Da stimme ich dir zu.

    Wobei ich aber auch das ganze Ende eher mau und sehr plötzlich fand.
    Die „finale Entscheidung“ aber: völlig witzlos.

    Kann ja gut sein, dass die Konzepte, die hinter jedem Knopfdruck stehen Hand und Fuß haben und zum Nachdenken bewegen (siehe: Kieron Gillens DRM-Text), die Umsetzung aber hat mich an die Parodie von Entscheidungen in Spielen denken lassen. „Herzlichen Glückwunsch! Drücke jetzt einen von vier Knöpfen für [Cutscene 1-4]“

    Mich hat es erinnert an The Stanley Parable, das ja in einem der möglichen Playthroughs genau so eine Wahl vorgibt, mit 2 großen Schaltern in Rot und Grün für Gutes/Böses Ende.

    Natürlich war das Ende von Deus Ex ähnlich, da waren die verschiedenen Schalter aber zumindest räumlich verteilt und sich für eine Option zu entscheiden, war mit einem gewissen Aufwand verbunden. Außerdem: Comlink-Unterhaltungen übers für und wider. Nicht ideal, aber nicht so … hamfisted wie in HR.

    Ich hab ein wenig traurig gekichert bei den Schaltern und eine Weile gebraucht bis ich das ansonsten sehr schöne Design von HR wieder wertschätzen konnte.

  3. avatar Henning says:

    Ich finde die Idee mit dem Sterbebett gut. Ich persönlich finde, dass auf einmal JC Denton als Kind gezeigt wird damit klar ist, dass DE: HR das Prequel zu DE 1 ist.