Sind BILD-Leser plötzlich salonfähig?

Den einseitigen und suggestiven RTL-Bericht über die Gamescom dürfte ja inzwischen fast jeder gesehen haben – so schnell, wie sich das Video über alle sozialen Netzwerke verbreitet. Es gibt aber auch noch ein anderes Medium, dass sich offenbar noch nicht so ganz mit dem Gedanken anfreunden kann, dass es Menschen gibt, die Spaß an (gewalthaltigen) Videospielen haben.

BILD spielt mal wieder den vermeintlichen Wahrer von Recht und Ordnung und empört sich: »Sind Brutalo-Spiele plötzlich salonfähig?« Hier geht‘s laut Überschrift um »Games und Gewalt auf der Messe Gamescom«. Vielleicht etwas unpassend, denn die Gamescom lief – trotz Besucherrekord, Einlassstopp und Sommerhitze – friedlicher ab als jedes Fußballspiel der dritten Liga.

Dann folgt Springer-Rhetorik, bei der dem Wort ‚Spiel‘ immer ‚Brutalo-, Metzel-, Gewalt- oder Killer-‚ vorangestellt wird, dass fast der Eindruck entsteht, es gebe tatsächlich nur solche Spiele. Der richtige Einwand der Kölnmesse, das wären nur ein Prozent der ausgestellten Titel, wird als unglaubwürdiges PR-Gefasel abgetan.
Dann fragt BILD (Warum haben die eigentlich immer so viele Fragen in ihren Texten?) noch, ob »das Thema „Killerspiele“ jetzt ausdiskutiert« sei. Das klingt wie eine Drohung: Nicht, wenn BILD noch ein Wörtchen mitzureden hat.

Nach Lesen des Textes frage ich ich mich, ob der Autor die scheinheilige Frage im Intro, »Gibt es Grund zur Sorge?«, beim Schreiben wieder vergessen hat, denn eine echte Antwort darauf bleibt er schuldig. Überhaupt bleibt der ganze Text BILD-typisch jede Erkenntnis schuldig. Ich weiß jetzt nicht, ob die Spiele salonfähig sind oder warum sich die USK-Kriterien geändert haben.

Wie bei BILD üblich gibt‘s am Ende des Artikels eine Umfrage für die Leser. Daraus generiert die Redaktion dann gern mal ihre Schlagzeilen für die nächste Tagen à la »Mehrheit der Deutschen ist für Killerspiele-Verbot«, denn BILD beansprucht ja stets das Recht, für alle Bundesbürger sprechen zu können.
Damit die Leser dann auch entsprechend antworten, wird eine schöne Suggestivfrage gestellt. Nach vier Semestern empirische Sozialforschung erkenne ich solche blind: Das Wort ‚Brutalo‘ könnte kaum negativer belastet sein, und auch ‚plötzlich‘ gibt zu verstehen, dass es sich keinesfalls um eine längerfristige Entwicklung handelt, sondern völlig überraschend kommt. Nach dem Motto: »Häh, gestern waren wir uns doch noch alle einig, dass diese Spiele verboten gehören?«

Doch dann die eigentliche Überraschung im Abstimmungsergebnis:

98 Prozent der Teilnehmer (ich denke, da kann man von einer großen Mehrheit sprechen) in dieser völlig unrepräsentativen Umfrage sind der Meinung, Erwachsene sollten spielen dürfen, was sie wollen. Und das trotz des vorherigen Artikels und der Suggestivfrage! Da wird sich BILD aber ärgern. Kann ja auch keiner ahnen, dass sich ihrer Leser getreu dem eigenen Werbespruch offenbar doch stellenweise mal eine eigene Meinung bilden.

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2 Responses to Sind BILD-Leser plötzlich salonfähig?

  1. avatar Smashmello says:

    super blog 😀
    das erfreut doch meine spielerseele ^^

  2. Pingback: Medien vs. Gamer – ein kleiner Sieg « Kidayna's Blog