Soldatenromantik in Battlefield

Durchs hohe Gras sehe ich die Flagge am Gipfel schon, 15 vielleicht 20 Meter ist sie nur noch weg. Ich kauere im Schutz der Gräser. Irgendwo in der Ferne höre ich das rhythmische Quietschen von Panzerketten, weiß aber nicht, ob er zu mir oder zum Feind gehört. Egal, er scheint sowieso weit genug weg, um mir nicht gefährlich zu werden. Ich springe auf, und sprinte an einem Betonbunker vorbei auf die Flagge zu. Ich erreiche den Gipfel unbeschadet, bang geht mein Blick zur wehenden Flagge des japanischen Kaiserreichs. Und tatsächlich, sie beginnt zu sich zu senken. Langsam, viel zu langsam für mein Empfinden, denn ich stehe vollkommen exponiert auf dem Gipfel – das perfekte Ziel für jeden gegnerischen Scharfschützen.

Auf einmal peitscht ein Schuss über den Berggipfel, ich fahre herum und sehe einen japanischen Soldaten hinter der kleinen Holzhütte, die ein Stück entfernt steht. Ohne anzulegen feuere ich zwei Schüsse in seine Richtung, dann gibt mein Gewehr ein metallisches »Pling« von sich – das Magazin ist leer.

Ich treffe zwar nicht, aber zumindest zieht sich der Gegner hinter die Hütte zurück. Das gibt mir einen kurzen Augenblick Zeit, um mich mit einem beherzten Sprung in den Bunker zu retten. Das hat der Japaner gesehen und wirft eine Granate, die mit metallischem Klimpern im Bunkereingang liegen bleibt. Die Explosion tötet mich zwar nicht, aber entwickelt zwischen den Wänden eine solche Wucht, dass mir die Ohren klingen und ich alle Geräusche nur noch dumpf und aus großer Entfernung wahrnehme.

(Nerven-)Krieg am Gipfel

Was jetzt folgt, ist ein Nervenspiel. Ich weiß, dass der Gegner hinter der Holzhütte sitzt. Er weiß, dass ich im Bunker bin. Wer wagt jetzt der ersten Schritt? Wer macht den entscheidenden Fehler? Für einen kurzen Augenblick wirkt es, also ob wir allein auf der Welt wären. Hecktisch schraube ich eine Gewehrgranate auf mein Gewehr und feuere auf die Hütte. Die explodiert, Holzsplitter fliegen durch die Luft. Schnell geht mein Blick auf die Flagge. Die bewegt sich keinen Zentimeter. Ein Zeichen dafür, dass der Japaner noch da ist. Ich ziehe mich wieder in den hintern Teil des Bunkers zurück.

Plötzlich höre ich das Kreischen eines Kampfflugzeuges im Sturzflug, gefolgt von dem charakteristischen Pfeifen von Bomben, die gen Boden rasen. Kurz darauf sehe ich durch die Bunkertür, wie der Berggipfel in einer Wolke aus Flammen, Dreck und den Holzresten der Hütte explodiert. Die meterdicken Mauern das Bunkers schützen mich. Der Japaner hat weniger Glück und überlebt die Explosion nicht. Ich stürme aus dem Bunker, sehe noch wie das Jagdflugzeug wieder an Höhe gewinnt und auf‘s Meer rausfliegt. Die Flagge hisst sich unterdessen weiter, bis auf dem Gipfel fortan das »Star-Spangled Banner« der USA weht. Ich atme tief durch, bin euphorisch, kurz darauf stürmen zwei weitere GIs auf den eingenommen Gipfel. Ich schaue sie an, und für einen kurzen Augenblick bilde ich mir ein, sie würden mir respektvoll zunicken. Dann rennen sie weiter zum Flugplatz, der auf der anderen Seite des Berges liegt. Ich blicke noch einmal auf die Flagge, in der Ferne hämmert eine Flak. Ich bin glücklich und erleichtert.

Landser-Heftchen

Die beschriebene Szene stammt aus Battlefield 1943 (Guadalcanal, für die Fachleute) und der Text würde mit Sicherheit jedem grauenhaften Landser-Heftchen zur Ehre gereichen. Eigentlich mag ich so kriegsverherrlichende Soldatenprosa gar nicht. Ich hoffe auch, der Leser verzeiht mir den szenischen Einstieg, der unter Spielejournalisten eigentlich verpönt ist. Keiner kann mehr Floskeln wie »Und dann brach die Hölle los.« lesen.

Trotzdem war es mir ein Bedürfnis, diese Szene niederzuschreiben, denn sie zeigt mir, dass Battlefield nach wie vor die Krone der Multiplayer-Shooter ist. Nirgendwo habe ich packendere Schlachten erlebt. Natürlich macht auch ein Call of Duty stellenweise schweissnasse Hände, allerdings mit einem gehörigen Unterschied: Alles ist geskriptet. Jedes Flugzeug am Himmel und jede Explosion sind nur eine Action-Tapete, die für mich aufgehängt wird und mir Schlachtgetümmel suggeriert.

Bei Battlefield ist alles echt. Wenn ich darüber nachdenke, macht es das für mich bedeutend intensiver. Wenn ich auf der Karte Iwo Jima vom Berg über fast die ganze Insel schauen kann, dann ist alles, was passiert, keine Show für mich als Spieler. Die Leuchtstreifen der Flakmunition am Himmel sind da, weil tatsächlich ein anderer Spieler schießt. Die Flugzeuge die über die Insel donnern, sind keine Deko, sondern werden von anderen Menschen gelenkt.

Für mich persönlich ist das imposanter, epischer* als die Dauerexplosionen eines Call of Duty.

 

*auch so eine schrecklich abgedroschene Floskel von Spielejournalisten

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One Response to Soldatenromantik in Battlefield

  1. avatar Petra says:

    Äpfel. Birnen. 😛