Spindsaufen, Schweineleber, Stromschläge

Ein offener Brief an die Redaktion von Spiegel Online:


Sehr geehrte Damen und Herren,

mit einer Mischung aus Verwunderung und Empörung habe ich Ihren Artikel »Bundeswehr-Skandal: Spindsaufen, Schweineleber, Stromschläge« gelesen und folge daher Ihrem Leseraufruf.

Ich habe als Wehrdienstleistender im Jahre 2004 zwölf Monate bei der Marine absolviert, drei davon im Anschluss an den Grundwehrdienst auf freiwilliger Basis. Nach der Grundausbildung in Sylt bin ich mit dem Einsatzgruppenversorger BERLIN zur See gefahren, und habe am humanitären Einsatz in Südostasien nach der der Flutwelle (Weihnachten 2004) teilgenommen. Dabei hatte ich stets mit einwandfreien und vorbildlichen Verhalten von Kameraden und Vorgesetzten zu tun.
Ich kann natürlich nicht für die ganze Marine (geschweige denn Bundeswehr) sprechen, denn mit Sicherheit gibt es auch hier einige »schwarze Schafe«, aber das ist meiner Meinung nach eine winzige Minderheit.

Der oben angesprochene Artikel transportiert demnach eine falsches Bild, insbesondere von der Marine. Daher möchte ich kurz klarstellen, welche Aspekte mich im Text stören.
Dass der Alkoholkonsum hier höher sein soll als im Rest der Gesellschaft, halte ich für einen Mythos. Rituale wie »Spindsaufen« und »Jukebox« sind mir zwar bekannt, allerdings in anderer Form als im Artikel beschrieben – und schon gar nicht als Qual von Neulingen. Natürlich sei der Sinn von Alkoholkonsum und Trinkspielen immer dahingestellt, ein exklusives Militär-Phänomen sind sie aber nicht.

Gerade die »Taufe« – sei es im Nord-Ostsee-Kanal oder am Äquator – ist keine Mutprobe, sondern eine durchaus spaßige Tradition – zumindest habe ich das bei meiner Äquatortaufe so empfunden. Sie schreiben: »Dann organisieren die Besatzungen für die Neulinge ein Initiationsritual.« Das stimmt aber so nicht, denn getauft wird jeder, unabhängig von Dienstgrad oder Zugehörigkeitsdauer, der eben das erste Mal per Schiff den Äquator überquert. Außerdem war dies stets eine freiwillige Veranstaltung. Niemand wurde gezwungen, sich taufen zu lassen – in der Tat gab es eine Handvoll Kameraden, die der Taufe fernblieben. Eine Entscheidung, die von der restlichen Besatzung anstandslos toleriert wurde.

Ich hoffe, ich konnte Ihnen mit meiner Schilderung weiterhelfen, auch wenn ich mir im Klaren bin, dass sie für die journalistische Weiterverarbeitung wohl nur wenig geeignet ist – Skandal- und Foltergeschichten lassen sich doch besser »verkaufen«.

Mit freundlichen Grüßen,
Daniel Raumer

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